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sich selbst, auf einem neuen reinlichen Strohsak, in eine warme wollene Deke gehüllt; das Kind war in grobe, aber saubere Windeln gewikelt, und am Feuerheerd stand ein ältliches Bauerweib von Seldorfs Gut, das der Familie ein Abendbrod bereitete. Erstaunt über diese wohltätige Veränderung, fragte Sara ahndend, wo sie herrührte? Mit einer ehrerbietigen Verbeugung erzählte die Wärterin, dass ihr Herr Roger Bertier gestern am frühen Abend Geld gegeben hätte, um sogleich alles Nötige im nächsten Städtchen zu kaufen, und heute mit Tages Anbruch das Eingekaufte, und einen Korb voll Esswaaren zu diesen Leuten zu bringen; er hätte sie gemietet, da zu bleiben, bis die Kranke selbst wieder ihrer Arbeit vorstehen könnte. Teodor schlug bei dieser Erzählung errötend die Augen nieder; Sara vergass auf einen augenblick ihres armen Bruders Beschämung, um ihr warmes Herz ganz der Freude über Rogers stille tätige Menschenliebe zu überlassen. War er schon selbst hier? fragte sie gerührt. – Ei ja wohl, antwortete die Bäuerin mit einer neuen Verbeugung; wohl ist er hier, seit Tages Anbruch; er kam mit einem Gespann Ochsen und dem Knecht, und er bereitet und pflügt die Brachfelder des armen Nikolas zur Nachernte. – Sie sezte schwazhaft eine Menge Umstände hinzu, die Rogers Weisheit, in der Art wie er den Bedürfnissen des armen Nikolas aushalf, noch mehr in's Licht stellten. Geld hatte er ihm noch nicht gegeben, er hatte ihn um nichts aus seinem Kreis genommen, sondern mit praktischer Kenntniss dessen was ihm in seinem Stand am meisten nottun mochte, ihm die Mittel verschaft, durch Fleiss und Tätigkeit sich wieder aufzuhelfen. Herr Roger, schloss sie, ist noch im feld, und führt die OchsenTeodor kämpfte mit Scham und Liebe für den einfachen stolzen Bertier, der mit dem Bewusstsein seines Willens und seiner Fähigkeit zu helfen, gestern so still bei seiner Heftigkeit geblieben war, und sich heute so empfindlich an ihm rächte. Seine Schwester sah Tränen in seinen schönen Augen, sie zog ihn gegen die tür, schlang den Arm um seinen Hals, und sagte bittend und leise: Komm zu ihm, wir können ihm gewiss noch etwas helfen. Fort eilten sie, dem feld zu, das ihnen die Bäuerin angedeutet hatte, und fanden dort Roger, der mit glühendem Angesicht und schweisbedekter Stirn, in blossen Hemdermeln, seine Tiere führte. Der Knecht breitete Dünger aus, und seitwärts unter einem grossen Kastanienbaum stand ein Topf mit Milch und schwarzes Brod zur Labung für beide. Wie Roger die beiden erblikte, liess er sein Gespann stehen, lief froh auf sie zu, und fragte nach Saras Gesundheit, nach dem Grosvater, dem er heute auf den ganzen Tag davongelaufen waraber ich habe auch recht geschaft, der Grosvater wird sich selbst freuen und uns helfen, denn es ist noch längst nicht alles in Stand; Abends wollte ich zu Ihnen kommen, fräulein, und Sie und Herrn Seldorf um Rat und hülfe bitten. – Mit seinem sorglos heitern Gesicht, und seinen feurigen Augen, die bald auf Sara, bald auf die Furchen, bald auf die unsaubre Beschäftigung des Knechts umherblikten, hätte er noch eine Weile fortgeschwäzt; allein Teodor fiel ihm um den Hals, und sein Stillschweigen, sein redendes Gesicht legten jetzt das geständnis ab, das Roger gestern so schmerzlich entbehrt hatte, ob ihm gleich nur eben in diesem augenblick von guterzigem Leichtsinn das alles wieder entfallen war. Teodors Beschämung ergrif ihn sehr lebhaft, Tränen standen in den spiegelreinen Augen, die er jetzt gerührt auf seinen Freund heftete. Guter Teodor, sagte er, es ist mir lieb dass Sie mich nun verstehen; wirklich, wirklich ich wollte das schon gestern was ich heute tat, vom ersten augenblick wollte ich; aber ich dachte nur wie ich's einrichten sollte, und wenn ich denke, wissen Sie ja dass ich oft herzlich stumm bin. Dagegenfuhr er wieder voll Lustigkeit fortdagegen schwaze ich wieder tausendmal ohne zu denken. Aber dass Sie so gut sindwahrlich der Tag war mir recht trüb, aber wie ich das fräulein sah, hatte ich alles vergessen; ich hätte vielleicht nie wieder daran gedacht. – Teodor war über Rogers kindlichen Sinn entzükt; zum erstenmal hörte er ihn mit dieser vertraulichen Herzlichkeit sprechen. Schon oft hatte ihm der Eigensinn im Weg gestanden, mit welchem der störrische Bursche nach Jahrelanger Freundschaft noch auf einem gewissen Ceremoniel in Ton und Betragen beharrte; jetzt nannte ihn Roger zum erstenmal seinen Teodor, nannte ihn so, mit einer Innigkeit als hätte es ihm lange gefehlt; Teodors verfeinertes Gefühl fasste in idealischen Zügen auf, was Roger aus blossem gutmütigen Instinkt tat, und sich selbst des Kampfes bewusst, den seine gestrige Heftigkeit ihn gekostet hatte, bewunderte er Rogern, weil er in seiner freudigen Versöhnung einen noch höheren Grad von Selbstbesiegung zu finden glaubte, als er über sich gewonnen hatte. Aber wirklich tat er dem wakern Jüngling zu viel und zu wenig Ehre. Gestern hatte Roger Teodors Unart ertragen, weil ihn sein Sinnen auf das heutige Unternehmen zerstreute, und Saras bleiches Gesicht ihn entwafnete. Wie er heim gekommen war, hatte ihm alles leid getan was vorgefallen war; und am meisten sezte es ihn in Verlegenheit, gegen Teodorn so höhnend vernünftig abgestochen zu haben. Bei seiner heutigen Arbeit hatte er sich in manchem augenblick vor der ersten Zusammenkunft mit seinem Freund gefürchtet; was er ohne seine Teilnahme getan, schien ihm heimlich getan zu sein. Wie er