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s Amt abführen zu lassen. Teodor fuhr über die barbarische Härte auf, und kam mit dem Gerichtsdiener in einen heftigen Wortwechsel über die Strafbarkeit des Schuldners, von welcher dieser, wie natürlich, überzeugt war; Roger liess sich von dem mann seine Lage erklären: er war durch Miswachs in Schulden geraten; voriges Vierteljahr hatte man ihm seinen Pflug und sein Rind genommen; mit der Kuh allein konnte er nichts anfangen, da lag nun das Feld brach, und er hatte die nächste Ernte eingebüsst; seine Frau war in's Kindbett gekommen, und lag jetzt den siebzehnten Tag im hizigen Fieber; da konnte er nicht einmal wilde Kräuter zum Gemüs sammeln; diese einzige Kuh musste ihn, und das unglückliche Weib, und das umsonst nach der Mutterbrust schreiende Kind nähren; endlich konnte er sein Weib auch nicht mehr verlassen, um die Kuh auf die Weide zu führen, denn eines Tages da er abwesend gewesen war, hatte die arme in ihrer Raserei das Kind gegen die Mauer geschleudert; nun nahm man ihm auch diese Kuh, um das ablaufende Vierteljahr zu bezahlenEin neues Wimmern des elenden Kindes unterbrach den verzweifelnden Vater. Ach, rief er, und schwang das kleine geschöpf gegen die Mauer, hätte dich die arme Mutter nur hingerichtet! Gott hätte ihr verziehen, und ich brauchte dich doch nicht verschmachten zu sehenNein, es soll nicht verschmachten! rief Roger voll Eifer, und hielt unwillkührlich das Kind mit beiden Händen auf; Ihm soll geholfen werden! – jetzt hatte Teodor den Gerichtsfrohn befriedigt, und die Kuh wurde dem Bauern gelassen. Teodor zitterte bei der wiederholten Erzählung seines Elends, und schüttete alles Geld, das er bei sich hatte, in seine hände aus; der Mann war betäubt über diesen schnellen Glückswechsel, sein armer Verstand hatte keinen Dank für so ausserordentliche Wohltaten: in trauriger Einfalt betete er lateinische Segenssprüche gegen seine Erretter her.

Sara, welche über die lange Abwesenheit ihrer gefährten besorgt zu werden anfieng, und jetzt die tiefste Stille in der Hütte zu hören glaubte, wagte sich endlich bis an die Stubentüre. Roger erblikte sie, legte schnell das Kind, das er noch hielt, auf das Strohlager, und vertrat ihr, eh sie hereinkommen konnte den Weg; rasch rief er: nein fräulein, hier haben Sie nichts zu tun; das wird mir schon schwer mit anzusehen, Sie sollen deswegen doch helfen. – Warum soll sie nicht sehen? rief Teodor, dessen Einbildungskraft mit jedem augenblick lichter in Flammen stand, warum nicht sehen, Bertier? Halten Sie Sara für zu empfindsam, um menschlich zu sein? Hier sieh den Raub des grausamsten Eigennuzes, des tiefsten ElendsZugleich riss er Sara an das Bett der Wöchnerin, die todtenbleich, mit starren, weit offenen Augen und zukendem Mund dalag; das Kind strekte winselnd gelbbraune hände, an denen eine zusammengeschrumpfte Haut klebte, aus etlichen zerrissenen Lumpen; der Vater stand, durch Teodors für ihn ganz unverständliche Heftigkeit scheu geworden, in einem Winkel, das Bild des Elends, mit langem Bart und struppigen Haaren, die um ein hagres, fast blödsinniges Gesicht hiengen. Sara hatte das menschliche Unglück nie in dieser scheusslichen Gestalt erblikt, sie wankte und ward bleich; Teodors Feuereifer bemerkte es nicht, sondern erzählte ihr stürmend den eben vorgefallnen Auftritt. Roger fasste das zitternde Mädchen am Arm, machte ihre Hand von ihrem Bruder los, und führte sie hinaus. Diese Kaltblütigkeit stach zu sehr gegen Teodors Heftigkeit ab; bald hätte dieser Abend den schönen Bund der Jugend und Herzensgüte zerrissen. Teodor ging in seinem Ungestüm so weit, seinen Freund der Unempfindlichkeit und der Lässigkeit im Helfen, bei dem ganzen Vorgang zu beschuldigen. Roger schien tief gekränkt; aber um Sara's willen, die sichtbarlich litt, vermied er jede Erklärung bis zu ihrer Rükkehr. In diesem Streit, sagte er schonend, kann das fräulein nicht entscheiden; und wenn ihr Wohlbefinden mich überweist, dass ich zu weichlich gegen sie verfuhr, so will ich gern von ihr verurteilt werden. Sara fühlte seine Güte, und eben so lebhaft, aber mit bitterm Kummer, Teodors beleidigendes Unrecht. So bald sie zu Haus ankamen, trennte sich Roger von ihnen; und so früh es noch am Tag war, so bedurfte es doch des ganzen Abends, damit Teodors wallendes Blut, und noch mehr seine falsche Scham sich legte. Endlich erkannte er mit Reue, wie irrig er leidenschaft mit Gefühl verwechselt, wie knabenmässig er neben seinem biedern, langmütigen Freund gestanden hatte. Er eilte am andern Tag nach Rogers wohnung, wo er aber den Alten allein bei seinem Frühstük fand; von Rogern wusste dieser nichts: er müsste wohl irgend etwas vorhaben, denn er wäre gestern erhizt und tiefsinnig gewesen, hätte bis tief in die Nacht geschrieben, um einen von ihm erhaltenen Auftrag zu besorgen, und wäre nun seit Tages Anbruch aus dem Haus. Unbefriedigt kehrte Teodor zurück, und brachte, unfähig zu jedem Geschäft, einen trüben Tag zu, bis ihm gegen Abend seine Schwester anlag, sie wieder nach der Hütte zu begleiten, wohin sie Wäsche für Mutter und Kind, und Speise für das ganze Haus mitnehmen liess. Auch diese liebe Mildtätigkeit erschien ihm wie ein Vorwurf; er hatte aus leidenschaft das Verdienstloseste getan, er hatte Geld gegeben, und sich seitdem nur mit seinem bösen Bewusstsein geschleppt. Stillschweigend langten die beiden Geschwister bei der Hütte an. Sie fanden die Kranke zwar matt, aber wieder völlig bei