und Roger, der Sara nicht berührt hatte, zog ihn an sich, und schloss jetzt sie und ihn zugleich in seinen Arm.
Seine Schiksale waren so einfach wie sein Herz und sein Sinn, und doch erzählte er länger daran, als wenn sie mit tausend Abenteuern angefüllt gewesen wären; denn er verflocht damit jeden schönen Zug seiner Kameraden, jede Scene des Elends und der Verwüstung, die sein Gefühl zerrissen hatte, die geschichte jedes Unglücklichen, dem er zu helfen gelegenheit gehabt hatte. Sprach er von den Siegen der Feinde, so blizte in seinen Augen ein Feuer, das ihnen noch jetzt Rache zu drohen schien; war es ein Triumph seiner Landsleute, dann dehnte sich seine Brust, und er schien es dem Weltall zuzujauchzen: so kämpft man für Freiheit und Vaterland! Er hatte auf seiner kriegerischen Laufbahn zu allen diesen wechselnden Gefühlen Veranlassung genug gehabt; denn seit er an die grenzen gegangen war, hatte er, ausser einigen Wochen, die er zweimal im Hospital zubrachte, um von den schröklichen Wunden über seiner Stirne und an seinem mund geheilt zu werden, immer im Angesicht des Feindes gestanden, und sein gut Geschik liess ihn dem Vaterland dienen, bis bei dem Entsaz von Landau die Grenzen befreit waren. Dort zerschmetterte eine Kugel seinen rechten Arm, er rief noch einmal seinen stürmenden gefährten zu: Landau oder Tod! und sank heulend von Schmerz unter die stampfenden Rosse. Zerquetscht, unkenntlich raffte ihn ein mitleidiger Landmann auf – und mit einem Arm weniger, mit einem von dem Hufschlag der Pferde steif gebliebenem Knie, das Lied der Freiheit laut singend, verliess er erst nach mehrern Wochen das Strasburger Hospital. In Paris erhielt er von den Repräsentanten des volkes die Belohnung der Tapferkeit, aber weder dort noch in seinem verwüsteten Geburtsland fand er mehr seine Geliebten, um mit ihnen sich der erworbnen Ehre zu freuen; und so irrte er eine Weile ziemlich ohne Zwek umher, bis ihn der Zufall, und das sehr gemischte Interesse, das die Trümmer von L***'s Schloss für ihn haben mussten, auf einer einsamen Wanderung, vor Sara's Hütte führten.
Gleich vom ersten Tag an, da er hier sein ganzes Glück, seine Jugend, seine Freude am Leben wiedergefunden hatte, gab er für jetzt jedes andre Vorhaben auf, und mietete sich in einem benachbarten dorf ein, wo er den Tag über, so weit es bei dem Verlust seines Arms anging, sich mit dem Feldbau beschäftigte, und hauptsächlich durch seinen Rat, seine Aufmunterung, und seine wesentliche hülfe, den mutlosen Landmann anfeuerte, den Schutt wegzuräumen, die Hütten wieder aufzubauen, die Felder von neuem zu besäen; und Abends stieg er dann auf die Ruinen, und so oft er zurückkehrte, hatte seine treue Liebe die Lüke zwischen dem Abschied und dem Wiedersehen mehr ausgefüllt, und bald fehlte ihm nur der segnende blick seines Ahnherrn, um den ganzen Schauplaz seiner frohen Jugend unter C**'s schwarzen Trümmern hinzuzaubern. Das scheue, ernste, vom Unglück gebeugte Weib erschien ihm noch als seine Sara, nur ihr Kind war erwachsener – er sah es nicht mehr an ihrer schönen Brust, er konnte schon ihre mütterlichen Sorgen teilen. Dass er nur für Sara leben würde, dass sie sein gehörte, wo sie lebte, wie sie ihn nennte, wohin sie sich verbärge – das wusste er vom ersten Wiedersehen an, daran zweifelte er nie; aber dass er sie noch immer am liebsten als sein Weib, in seiner Hütte, an seinem Heerde sich denken musste, das erfuhr er erst nach und nach, wie er im verwüsteten dorf die Hütten wieder aufsteigen, die Felder wieder sich beleben sah, wie er, von allem, was sie tat und litt, unterrichtet, nicht ein einzigesmal sich mehr fragte: wird sie mir alles, alles noch ersezen können? Nun fing er an, sich nach dem Boden zu sehnen, wo sein Vater gelebt hatte, wo sein Schatten durch Wohltun versöhnt, der Schauplaz seines schröklichen Todes neu erschaffen werden musste, um den Zeugen – vielleicht den Mitschuldigen seiner Ermordung die Sonne wieder lieb zu machen. Sollte er aber ohne Sara dort leben und würken? Unglück und leidenschaft hatten freilich ihre Jugend gewelkt, und gaben ihr Jahre voraus; aber er war der Weisere durch die ungetrübt gebliebne Einfachheit seines Geistes – nicht mehr ängstlich und mit der Ungewissheit der Liebe, sondern mit dem ruhigen Zutrauen einer unbefangnen Seele, betrat er einst den Weg zu Sara's wohnung, in der Absicht, der treuen Freundin sein ganzes Herz aufzuschliessen.
Es war ein schwüler Sommerabend; schwarze Wolken hiengen über den alten Türmen; scheu und von der schweren Luft gedrükt, flogen die Vögel unter die Mauersteine und Vorsprünge; nur die Schwalbe durchschnitt noch in niedrigen Zirkeln am Boden die brennende Luft. Sara war heute schwermütiger wie sonst, es war der Jahrestag ihres Abschieds von Bertiers Haus. So schwer, wie die Luft auf der stillen Landschaft, lag damals die Ahnung ihres Schiksals auf ihr! Sie sah in das Tal hinab, sah die Felder grünen, die Aeste an den Bäumen von ihren Früchten sich beugen; und die finstern Wolken änstigten sie, als würden sie allgemeine Vernichtung bringen. Immer tiefer in traurige Erinnerungen versinkend, wollte sie sich losreissen, und ging, den Knaben an der Hand, gegen die Seite des Schlosses, von welcher Roger kommen musste. In kurzem erhob sich ein heftiger Sturm, und sie stieg, um sich vor den grossen