und alles was mein war, alles, was ich liebte und was mich liebte, liegt im grab – die Sara, die Ihre Schwester war, ist unter den toten – der Schmerz erstikte ihre Worte – die Sara, sprach Roger, die noch so fühlt, so weint, ist meine Schwester – nie, so lange dieses Auge Tränen, so lange dieser Körper Leben hat, kannst Du aufhören, es zu sein! Und selbst dann – wie ich Sie tot glaubte, Sara, seit drei Monaten, dass ich diese schrökliche Gewissheit hatte, war meine Liebe im grab, so wie sie nun wieder auf Erden ist – Er schwieg, Sara's Hand haltend; dann das Kind ungewiss betrachtend, dann mit glänzendem Auge, mit einem Ausdruk von verklärter Freude, vor welchem seine grässlichen Narben zu schwinden schienen, in das ferne Tal hinblikend – armes Land! rief er aus; arme Menschen! So viel Seligkeit wohnte in diesen Trümmern, – so viel Heldenmut! – Er drückte das Kind an sich, sah es nachdenkend an, spielte mit seinem blonden Haar, das es dem Vater so ähnlich machte, und blikte nach Sara's dunkeln Loken, die sich unter dem grossen Tuch, das ihren Kopf verhüllte, hervordrängten. Der frohe Fantast schien etwas angenehmes in dieser Vergleichung zu finden; er nahm den Knaben in die Höhe, und herzte ihn – man sah es ihm an, dass er einen Arm zu wenig hatte, um alles, was er fühlte, in seine Gebehrden zu legen. – L***'s Sohn! wiederholte er leise, – und nicht meiner Sara Kind – und doch in ihrem Schuze! – – In sprachlosem Schmerz, von ihren Erinnerungen überwältigt, hatte Sara den wunderbar kindlichen Menschen betrachtet; jeder Ausdruk seines unzerstörbar heitern Sinnes machte sie schaudern – sie konnte es nun nicht länger ertragen. O diese fürchterliche Freude! rief sie aus; Mann mit dem Kinderherzen, weisst Du, was seit dem Abend Deines Abschieds mit mir ward? – Alles, alles, meine Schwester, bis zu Ihrer Krankheit bei der alten Bauersfrau – dort, sagte man, wären Sie gestorben – Ihr ganzes Unglück weiss ich, die ganze Güte des Schiksals, das meine Sara vor einer Reue schüzte, die meine treue Liebe selbst nicht zu heilen gewusst hätte – O Sara, wie der brave Kriegskamerad, der Marten die Kundschaft von ihres Mannes Tod gebracht hatte, mit den Worten schloss: und in der Bauerhütte starb sie – wie ich nun meine Liebe ewig vergraben wusste mit Dir, da war es mein erster heitrer Gedanke: sie kann dort ohne Schreken erwachen – sie blieb rein von Mord!
wirklich wusste er durch jenen Soldaten, der seiner Pension wegen nach Paris zurückgekommen war, und dort alles, was Marten und ihr Haus betraf, so weit es den Nachbarn bekannt war, erfragt hatte, ziemlich die Hauptzüge von Sara's geschichte, bis zu ihrer Abreise nach dem Dorf, und das übrige war in den dienstfertigen Berichten, die der ehrliche Mann eingezogen hatte, wahrscheinlich genug ergänzt worden. Rogers Rührung war jetzt unbeschreiblich, als ihm Sara nach und nach, in mehreren Tagen, ihr schicksal, von ihrer Abreise in die Provinz bis zu diesem augenblick, erzählte. Oft musste sie inne halten, weil er ausser sich vor Schmerz bei der Schilderung ihrer Leiden, die sie ihm so kalt, mit so abgestorbnem Tone machte, sie nicht mehr hörte, sondern auf dem Rasenplaz so heftig auf- und abging, dass der kleine Hyppolit sein Spiel verliess, und sich bittend an ihn klammerte, und wenn er ihn ungestümm von sich wies, weinend zur Mutter lief. Mit stillen Tränen, mit verhaltenen Seufzern lehnte sie dann ihr Gesicht an ihn, bis er sich wieder gefasst hatte, und sie leise, mit ruhiger stimme, weiter erzählte. Zuweilen musste er sie unterbrechen, weil der Zwang, in dem sie ihre Gefühle hielt, sie bis zu Verzukungen angriff. So war es, wie sie an dem augenblick war, wo sie bei L***'s Todtenbahre gestanden hatte – Roger war diesen Tag spät gekommen, es war schon Abend, als sie zu sprechen anfieng – starr hiengen die schweren Tropfen in ihrem Auge, aber die natur durchbrach den gewaltsamen Zwang, und ein heftiges Erstiken hemmte ihre stimme. Roger legte ihr seine Hand auf den Mund, holte ihr schweigend einen Trunk wasser, sah sie ruhiger werden, küsste den Knaben, und indem er noch einmal wehmütig auf Sara blikte, ging er stumm hinweg. Wie sie zu dem Gefecht im Gewölbe, zu der Erkennung ihres Bruders kam, war es ganz anders – er kniete vor Sara, weinte, verbarg sein Gesicht, küsste ihre hände, rief, als wollte er das taube Grab erbitten: o Teodor, mein Bruder! Gespiele meiner Jugend – Und wie Sara's geschichte sich ihrem Ende nahte, und ihre stimme leiser aus ihrer schweren Brust atmete, und ihre Tränen unverhaltner flossen, da lag er still vor ihr, blikte sie schweigend an; sie sprach fort, ohne Stoken, aber langsam und abgesezt, ruhte mit dem nassen Auge auf Rogers Stirne, fuhr sanft mit ihrer Hand über sein redendes Gesicht – und nun verstummte die bange geschichte, nur leises Schluchzen vernahm man noch, ihr Kopf sank matt auf seine Schulter; der Kleine sah sie an, kam herbei, lehnte sich klagend an Sara's Schooss,