in dem kleinen Garten im Zwinger, und da ihr der Bube überall im Wege war, geschäftig die Pflanzen ausrupfte, die sie eben sorgsam gesezt hatte, schikte sie ihn in den Schlosshof, um da seinen Unfug zu treiben. Nach einer kleinen Weile hörte sie ihn zusammenhängend reden, und mit mütterlicher Freude über den kleinen Schwäzer, wollte sie sehen, welchen Stein oder welche Pflanze seine kindische Fantasie belebt, und zum Spielkameraden umgeschaffen hätte. Sie ging an die Pforte, und erblikte das Kind zwischen den Knieen eines Soldaten, der auf der Bank vor der tür ihrer Hütte sass. Sara konnte des Mannes Gesicht nicht sehen, weil die Abendsonne sie blendete, und er ihr halb den Rüken zukehrte; doch unterschied sie, dass der Knabe mit ihm spielte, und der Fremde das Kind freundlich liebkoste, indem er mit der Hand auf einen Haufen Steine zeigte, die es zusammengetragen hatte. Hyppolit holte jetzt mühsam einen grossen Stein, den er dem Soldaten zu halten gab; dieser fasste den Stein mit einer Hand an – nein, rief der Kleine, und zog an seiner andern Hand; mit beiden Händen! dann will ich klopfen – Ich kann nicht, mein Kind, sagte der Fremde, die andre ist tot – tot? fragte Hyppolit, und machte grosse Augen; die Hand tot, und Du nicht tot? – Sie ist im Kriege abgeschossen – Armer Mann! sprach der Knabe klagend, und streichelte leise den ausgestopften Aermel – soll heilen, die Mutter soll ein Pflaster geben; ich war auch recht krank am kopf von einem grossen Stein, da hat mich die Mutter geheilt – Und wird die Mutter denn mir Pflaster geben? fragte der Fremde. – Wenn Du weh hast? rief der Kleine, und zog ihn am Aermel gegen die Pforte des Zwingers, wo er jetzt die Mutter erblikte. Bei der Annäherung eines Fremden, des ersten in dieser wilden Einsamkeit, war ihre erste Bewegung Schreken; doch konnte sie ihren Hyppolit nicht allein lassen, da er sie suchte; sie trat also aus der tür, und sah den Mann aufstehen, und seinen Stok und das Kind in einer Hand haltend, auf sie zukommen. Der Fremde stuzte bei dem ersten anblick, kam aber sogleich näher, liess den Knaben stehen, und zog mit der einzigen Hand seinen Hut ab – Gute Bürgerin, sagte er mit einem heitern Ton, Ihr Kleiner versprach mir ein Pflaster für meinen abgeschossenen Arm; wollen Sie mir einen Trunk wasser geben für meine herzliche Müdigkeit? – Die Art, die stimme des Mannes hatten etwas, das Sara auffiel; selbst sein Rok, dieser Rok, den sie so lange getragen hatte, rührte sie – Gern, antwortete sie freundlich, möchte ich doch auch für meinen Knaben Wort halten können! – Wie sie sprach, fuhr der Fremde erschroken zusammen; sie bemerkte es nicht, und ging neben ihm weiter auf die Hütte zu – Das sind ehrwürdige Andenken, Bürger Soldat! sagte sie; und wo Ihr hinkommt, findet Ihr gewiss tausend arme, die sich beeifern, Euch den Verlust des Eurigen zu ersezen – Sie traten jetzt in den Schatten der Hütte; der Fremde schwieg, und fasste Sara schärfer in's Auge, sein Gesicht schien zu glühen, er warf bald auf sie bald auf den Knaben unruhige Blike – sie liess das alles gut sein, und ging hinein. Als sie zurückkam mit Wein und Brod, und es ihm auf die Bank sezte, und zugleich fragte, wie er auf eine so abgelegne Höhe geraten wäre? näherte er sich äusserst bewegt – Vielleicht von meinem guten Engel geleitet, sagte er; ich kann nicht begreifen – und doch! – die stimme, der gang! – Sara Seldorf! Roger kann doch keine andre für Sie ansehen – – Ein Schleier fiel von Sara's Augen, und ungeachtet der tiefen Narbe über seiner Stirne, der Nat über die linke Wange, die seinen ehemals schönen Mund entstellte, erkannte sie jetzt alle seine Züge, und wankte, zwischen der Freude und dem Schreken einer solchen Ueberraschung geteilt, zurück – Meine Schwester! rief Roger, und fasste sie in seine arme, führte sie auf die Bank, lehnte ihren Kopf an seine Brust, und weinte und jauchzte vor Entzüken – Aber Sara wand sich aus seinen Armen, sie stand auf, sah ihn mit einem blick voll unaussprechlicher Wehmut an – Schwester! wiederholte sie schaudernd – o, eine arme verirrte, durch Unglück bis an den Rand des Verbrechens geführte Schwester – – Nein, meine teure, ewig geliebte Schwester – o ich Kind! ich Kind! da wandle ich zum grab meines Grosvaters, und bitte Gott um Mut, es zu erbliken, und die abgebrannte Hütte wieder zu bauen, und statt der niedergeworfnen Bäume wieder andre zu pflanzen; und Gott schikt Dich mir entgegen, die ich so lange schon unter den toten glaubte – Unter den toten, fiel Sara ein, die Hand feierlich auf die Brust gelegt – ja, tot für das Glück, für die Menschheit – Sara, antwortete der redliche Mann lächelnd, und zog das Kind zu sich; Sara, Mutter! – und tot für die Menschheit, die hier so schön aufblüht? – Eine schwache Röte über seinen Irrtum ward bald von bittern Tränen über die Erinnerung an ihr Kind, das ihn veranlasste, hinweggewaschen – Dies ist L***'s, nicht mein Sohn, sagte sie; mein Kind,