herzlicher Teilnehmung gehört. Sara hatte auch zu ihm Zutrauen gefasst, und sie teilte ihm ihren Wunsch mit, sich in den Ruinen einzurichten. Ein geheimnis wollte sie daraus nicht machen; aber um künftig ungestörter zu sein, bat sie ihn, nur seinen Sohn zum Gehülfen bei der Arbeit zu nehmen, und so ward die kleine wohnung bald zu stand gebracht, ohne dass die Nachbarschaft es ahnete. Eine kleine Küche, welche das Vorhaus zugleich vorstellte, und eine einzige kammer, woraus das ganze Gebäude bestand, war in wenigen Tagen vom Schutt gereinigt, mit Fenstern versehen, und so viel Geräte hineingebracht, wie Sara und ihr Pflegsohn brauchten. Eine wunderbar stille Empfindung war es für Sara, als sie zum erstenmal neben ihrem brennenden Heerd die Nacht erwartete. Es war eine Nacht wie jene schrökliche, da sie Teodorn fand, um ihn auf ewig zu verlieren; eben so flimmerten die Sterne im Nebel – Sie stellte sich einen augenblick vor die tür, blikte nach jenem Turm; sie hatte nun den Kelch des Leidens geleert, keine Erwartung mehr – wie war sie so ruhig! Indessen erwachte der Knabe in der anstossenden kammer, und lallte schmeichelnd: Sara, willt Du nicht schlafen gehen? – Sara's Herz zerschmolz in Wehmut; es war ihr, als riefen mit dieser stimme alle Geister, die sie jetzt eben umschwebten: Sara, Sara! komm in das Grab – und doch lokte sie diese stimme in das Leben, knüpfte sie an das Leben durch alle Bande des Mitleids und der Grossmut.
Neben der Hütte war eine kleine Pforte, die in einen Zwinger ging, wo ehemals Jagdhunde und Kaninchen gehalten wurden. Diesen reinigte Sara von Steinen und Schutt, und mit den ersten Frühlingsregen keimten da Gemüse heraus, und wilde Blumen, die sie für ihren Kleinen sorgfältig pflegte. Von Zeit zu Zeit besuchte sie ihr Vertrauter, der alte Bauer, und freute sich über ihren Fleiss, über das frohe Wesen des Knaben; und wenn er ihr bleiches ernstes Gesicht ansah, auf welchem das freundliche Lächeln so wehmütig zukte, sprach er ihr zu: Junge Frau, wem Gott solch Gedeihen gibt in dem, was er unternimmt, wie der Knabe wächst und der Sallat draussen aus dem steinigen Boden keimt – wahrlich, der muss nicht so trostlos drein sehen! Gott, der Keime aus den Trümmern ruft, kann auch wehe Herzen heilen – Sara drückte ihm die Hand – Ergebung und Ausharren sind sich also immer gleich! Diesen Sinn hatten Bertiers weise Lehren, und die treue Einfalt dieses Mannes atmete eben diesen Sinn – Der Alte half ihr von dem teil des Schlosshofs, der an ihre Hütte stiess, die Mauersteine wegräumen, und bald bekleidete er sich mit jungem Gras, auf welchem Hyppolit, dessen Schritt nun fester wurde, in der warmen Sonne spielte.
Es kamen jetzt Stunden, wo Sara's Herz mit der natur um sie her einstimmte – Keime, die den grausen Trümmern entsprossten! Sie unterdrükte nicht, wie ehemals, jeden Wunsch nach Heiterkeit, sie verdrängte nicht mehr jedes Bild der glücklichen Jugend mit dem Andenken ihres schwarzen Schiksals. Ihre wohltätigsten Stunden waren die, wo sie berechnete, wie viel zerstörender das Elend gewesen sein würde, dem sie entgangen war, als das, welches sie wirklich erfahren hatte. Wenn der Knabe auf ihrem Schoosse scherzte, wenn er an ihrem Busen einschlief, wenn er schmeichelnd sie Mutter, gute Mutter! nannte; so hob sich ihr Auge gegen Himmel, und suchte dort ein Wesen, dem sie danken möchte, dass nicht, so wie sie einst darauf ausgegangen war, seines Vaters Blut an ihren Händen klebte. Jede ihrer Sorgen für ihn besänftigte jetzt ihr Herz; hätte damals der Zufall ihre Rache begünstigt, so war jede seiner Liebkosungen nunmehr ein Dolch in ihr Gewissen!
Wenn sie indessen nach ihrem Tagewerk ausruhte, der Mond am Himmel aufstieg, oder die zahllosen Sterne hinter den verfallnen Türmen hervorfunkelten, und ihr Herz die stille Feier ihrer Verstorbnen begann, da schwebte, seitdem die Ahnung des Friedens bei ihr wieder eingezogen war, manchmal der leise Gedanke vor ihr, dass in der Reihe der geliebten toten noch ein Name fehlte – Roger war nicht zurückgekehrt, und ob er tot sei, hatte niemand ihr zu sagen gewusst! Je ruhiger ihr Herz, je weiblicher ihr Tun wurde, desto schmerzlicher dachte sie, dass er, allein von allen übrig, vielleicht noch in den Schreken des Krieges lebte, und nie erfahren würde, wie sie gelitten, und wie sie gebüsst hätte. Dabei schauderte sie vor der Möglichkeit, ihn je wiederzusehen; es war eine Kluft zwischen ihnen entstanden, die ihr von allen menschlichen Wesen nun losgerissenes Herz nicht mehr auszufüllen wusste. Wie sie ihn gekannt hatte, in einfacher Tugend und weichem, reinem Kindersinn fortwandelnd, übte er seine männliche Kraft nur in Augenbliken, wo er eine leidenschaft zu bekämpfen hatte; sein Herz glich der milden Sonnenwärme – und das ihrige, war es nicht ein ausbrennender Vulkan? Sie fühlte, welches Misverhältniss dieser Unterschied zwischen dem Weib und dem Mann stiften müsste. Alle Harmonie war gestört, alle Gleichheit; Roger konnte in ihr nur ihr Unglück ehren – und sie wollte und konnte nun keinem menschlichen Wesen mehr nahen, das sie ehemals gekannt hatte, das denken musste: wie glücklich war sie einst! Sie konnte nur Hippolits Liebe ertragen, denn sein Lallen sagte ihr bloss: wie gut bist du jetzt!
Eines Abends arbeitete sie