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Besuch, den sie von einer Unbekannten gehabt hätte; wie erschüttert sie gewesen wäre; wie sie geforscht hätte, etwas von der Unglücklichen zu erfahren; wie einer von den Bedienten endlich herausgebracht hätte, es sei ein junges Mädchen, die sein Herr unterhalte, sie sei Mutter gewesen, aber ihr Kind sei tot, und was aus ihr selbst geworden sei, wisse man nicht; wie sie dies gerührt hätte, indem sie damals eben ihren Sohn geboren hätte; und wie sie, seitdem sie einsam und verlassen in diesem Gewölbe lebte, oft an das Mädchen gedacht, und gemeint hätte, wenn sie damals aufzufinden gewesen wäre, sie hätten zusammen weinen und leiden wollenIm Glück, sagte sie, wäre ich vielleicht ihre Feindin gewesen, aber wir waren ja beide verlassen, beide so unglücklich, und ich hatte ja doch meinen Sohn, und war GattinDas Mädchen sah so rührend aus! Seit Sie da sind, fuhr sie gegen Teodor fort, denke ich noch öfter daransie sah Ihnen, glaube ich, ähnlich, besonders wenn Sie wild redendas arme Mädchen! Als seine witwe wollte sie mich wiedersehenda wäre es nun Zeit! – So schwazte die arme, liebende Seele ihre wenig entwikelten Gefühle her, und sah nicht, welchen Eindruk sie auf Teodor machte, der seine unglückliche Schwester in diesem Bilde erkannte, aber zu viel Schonung gegen die Kranke hatte, um ihr sein nahes verhältnis mit dieser Erscheinung zu entdeken. – Als das Gewölbe bestürmt wurde, suchte sie eine Zeitlang ihren Sohn zu trösten und zu beruhigen; bald aber lösten Schrecken und Angst die abgenuzten Fäden auf, die sie noch an das Leben hielten; und sie war verschieden, ehe noch die Sieger in das Behältniss gedrungen waren, das ihr so lange schon zum grab gedient hatte. Sie war eben achtzehn Jahre da sie starb: still und unschädlich hatte ihre schöne Jugend geblüht; man hatte sie keinen Gebrauch ihrer angebornen Güte gelehrt, die Menschen um sie her wussten diesen Funken der Gotteit nicht zu schäzenso konnte sie, um wohlzutun, nichts als lieben, um zu geniessen, nichts als lachen und scherzen. Ihre Liebe ward von den kalten abgestorbnen Seelen, mit denen ihr Stand sie verband, zurückgewiesen, von ihrem Gemahl nie angenommen; und Scherz und lachen wandelte sich früh in Elend, Not und Angst. Ihr Leben glich einer kleinen Lampe, die in einem menschenleeren raum brennt und erlöscht; sie leuchtete niemand, und ihr Erlöschen wird von niemand bemerkt. Mögen so manche, deren schicksal wie das ihrige anfieng, nie ein so trauriges Ende erfahren! – –

Der Morgen brach an, welcher Teodor und seine gefährten zum tod rief. Seine Fassung war wehmütig. Er musste sich selbst sagen, dass er seit dem erstenmal, da sein treuer Roger ihn warnte, bis zu diesem augenblick, immer die Wahl zwischen dem Besseren und Schlimmeren gehabt hatte; sein Geist war erstorben, sein Herz ausgeglüht, nur seine Liebe für Sara erleuchtete, gleich dem Abendrot an einem stürmischen Tag, dessen Morgen doch heiter anbrach, noch einmal sein finsteres Dasein; er heftete auf sie seine schweren Augen, und schloss sie gern auf ewig. In Sara waltete eine über das schicksal erhabene Ruhe; sie hielt des Bruders kalte hände, drückte sie an ihr Herz, an ihre Lippen, und in dem sinnenden blick ihres ernsten Auges schienen Ahnungen eines freieren, reineren Daseins zu liegen. Wie die Wachen den Unglücklichen abholten, schauderte sie auf; er stand sprachlos, zeigte auf den sanft schlummernden Hyppolitdann rief er mühsam: ohne ihn risse ich Dich mit mir fort! – Ohne ihn folgte ich Dir! sprach sie zitternd, umarmte den Bruder, wandte sich gegen die Soldaten, und sagte mit gebrochnem Ton und gefalteten Händen: Fasst ihn scharf in's Augees ist meine letzte Bitte! – jetzt erstikten die Tränen ihre stimme, und Teodor ward fortgeführt. Sara's Betragen im Kriegsdienst, gegen ihren Bruder, gegen den verwaisten Knaben hatte ihre Obern, und alle, die in der Gegend von ihr hörten, so gewonnen, dass es ihr an Unterstüzung nicht fehlte, die sie, an ihren Pflegsohn denkend, ohne Widerwillen annahm. Sie sann indessen darauf, sich in eine Einsamkeit zurückzuziehen, wo sie, fern von Menschen, fern von dem Geräusch der Waffendenn beides presste ihr Herz zusammensich nach und nach wieder an das Leben gewöhnen könnte, dessen Last zu tragen sie nun so feierlich verpflichtet war. Der herannahende Frühling bestärkte sie in einem Plane, den sie in ihrem inneren seit jenem augenblick entworfen hatte, da sie neben Hyppolits erblasster Mutter ihren Bruder dem tod überantworten, und sich selbst zum Leben verurteilen musste. Das kleine Gebäude in den Ruinen von C**, wo sie mit ihren Kriegsgefährten eine Nacht im Hinterhalt gelegen hatte, liess sich mit einer kleinen Ausbesserung bewohnbar machen; unter diesen grausenvollen Trümmern vermutete man keines lebendigen Geschöpfes Aufentalt, und sie fand da Nahrung für ihren Schmerz, reine Luft für ihren Zögling, und den ungestörten anblick der sich aus der Verwüstung hervorarbeitenden natur, von den hohen Felsen in die Täler herab. Ein Bauer, bei welchem sie in der damaligen Zeit im Quartier gelegen hatte, war durch ihr sanftes Betragen, durch die menschliche, regelmässige Aufführung ihrer Untergebnen, für sie eingenommen worden, und hatte den Auftritt im Schloss, und was darauf erfolgt war, mit