er langsam den Kopf gegen einen Tisch an der andern Seite seines Betts. Fast ohne seine Lage zu verändern, und als belebte die entfliehende Seele zum leztenmale noch leise die äussersten Spizen seiner Glieder, nahm er eine Feder, schrieb ein Paar Worte auf einem Blatt Papier, winkte Teodorn, es zu holen – Teodor stand mechanisch auf – er las die bebende Schrift: Mein Weib und mein Kind! Durchdrungen suchte er L***'s blick – Sein Kopf war wieder gegen die vorige Seite gekehrt; Teodor bog sich über ihn – L*** hatte sein leztes Wunder getan, und war verschieden.
Teodor verliess die Armee, und stahl sich durch tausend Gefahren bis zu den Trümmern von C**, wo die ihm von L*** anvertrauten Zeichen ihm den Eingang in das Gewölbe öfneten. Hier fand er ein Paar Geschöpfe, die den inneren Grimm, mit welchem er an diese menschenfreundliche Handlung ging, bald in sanftes Mitleid umschmolzen. Auf dem Krankenlager lechzte L***'s schöne, junge Gemahlin nach Trost und Erquikung. Im ersten Schreken über die Nachricht von der tödtlichen Verwundung ihres Herrn waren die Hausbedienten, unter deren Schuz er sie gelassen hatte, aus einander geflohen, bis auf drei, welche nur mit den abwechselndsten Kunstgriffen einen kümmerlichen Unterhalt herbeischaften. An Geld fehlte es ihnen zwar nicht, L*** hatte einen teil seiner Schäze und Kostbarkeiten in diesen Gewölben vergraben; aber der geringste Umstand, ein Becher, ein silbernes Geschirr, ein Geldstük selbst, konnte sie verraten, und ausserdem war die umliegende Gegend so verwüstet, dass man mit Tonnen Goldes keine Erquikung für die arme zarte Kranke auftreiben konnte. Die gröbsten Gemüse, oft rohe Kastanien, wozu nur selten ein Stük Brod kam, erhielten jetzt diese Frau, die, zu solcher Weichlichkeit gewöhnt, so wenig mit Schmerz und Not bekannt gewesen war, dass sie bei der sanftesten Anlage kaum jemals etwas dem Mitleiden ähnliches gefühlt hatte. Ihr Knabe allein hielt sie aufrecht, und war zugleich der Gegenstand ihres peinlichsten Kummers; neben ihm durchweinte sie die langen Winterabende, indess er unbesorgt schlummerte, denn er wusste diesen Kerker, in welchem die erste Entwikelung seiner kindischen Seele vor sich gegangen war, mit nichts besserem zu vergleichen, und seine früheren Erinnerungen hatten sich hier so verwischt, dass er, als man ihn an jenem schröklichen Tag heraustrug, von der Sonne geblendet, fragte, was das für ein grosses Licht wäre? Wenn aber seine arme Mutter ihre elenden gefährten herbeischleichen hörte, erstarrt, ermüdet, und oft von der ängstlichen Wanderschaft, wo jeder Schritt ihnen mit Entdekung und Tod drohte, nichts zurückbringend als Schrekensposten, da troknete sie ihre müden Augen, und sammelte sich zu neuem Schmerz und neuer Geduld. Ein Zufall verbesserte indessen ihre Lage. Ein ehemaliger Pachter ihres Gemahls, ein Mann der seine Habe für die Sache der Freiheit zugesezt hatte, und für einen der festesten Patrioten galt, erkannte eines Abends einen von den drei Getreuen, der, um Lebensmittel zu suchen, in seine halb abgebrannte Hütte gekommen war. Der Unglückliche glaubte sich verloren, machte aber dem Mann eine so rührende Beschreibung von dem Elend der Gräfin, von dem Liebreiz des Knaben, dass dieser, von Mitleid hingerissen, der Retter dieser bedrängten Familie ward. Er war die nächtliche Erscheinung im Eremitenkleid, welche den Wahn des Landvolks veranlasste; so oft er Lebensmittel zusammenbringen konnte, stieg er durch einen fast verschütteten heimlichen Fusspfad, neben der am Fuss des berges fliessenden Quelle, den Brunnenkeller herauf, und gelangte auf dem mühseligsten Weg mitten in den Schlosshof; ein Stein, den er in dem inneren des Turms durch das Luftloch des Verliesses herunter warf, war das Zeichen seiner Ankunft, worauf man ihm die verrammelte Höle öfnete. Noch mehr hülfe aber schafte nun Teodors sinnreicher Mut in einer Gegend, die ihm von Jugend auf bekannt war, und seitdem das arme Weib in dieser Einöde schmachtete, war er das erste menschliche geschöpf, das, anstatt sie mit Klagen zu quälen, die ihrigen vernehmen konnte. Indem er aber ihr Elend milderte, sezte er auch ihre Sicherheit aus: er zog mehrere herumirrende Flüchtlinge von seiner Partei an sich, und sein unruhiger Kopf machte nach und nach diese Zuflucht der Unschuld zu einem neuen Tummelplaz politischer Plane, die ihn und die Unglückliche, die er beschüzen wollte, verdarben, indem sie Unvorsichtigkeiten veranlassten, welche die Aufmerksamkeit der Gegenpartei erwekten. Schon mehrere Tage vor dem Ueberfall befand sich die Gräfin sehr schlecht, sie sprach oft mit Teodor von ihrem nahen Ende, von dem Traum ihres jungen Lebens, von dem schröklichen Wechsel, der sie nun hinraffte. Sie erwähnte mit tiefem Gefühl, aber ohne Bitterkeit, wie wenig ihr Gemahl für sie gewesen wäre – Und jung, wie ich war, sezte sie hinzu, hätte ich ihn doch zu meinem Abgott gemacht, und die herrschaft über mein reines Herz hätte ihn sicher mehr beglückt, als der blutige Zepter, mit welchem er stumpfsinnige Elende lenkte! Sie hatte ein Paarmal geäussert, dass sie wohl nicht die einzige gewesen sein möchte, welche das los des Unglücks aus ihres Gatten Hand empfangen hätte. Am lezten Abend erklärte sie sich hierüber noch deutlicher: Ich habe, sagte sie wehmütig lächelnd, einmal eine Erscheinung gehabt – die aber einen solchen Eindruk auf mich gemacht hat, dass ich nachher, wie ich so viel Unglück erfuhr, dass ich es in die kurzen Jahre meines Lebens gar nicht hineindrängen konnte, immer von dieser Erscheinung an rechnete. Sie erzählte nun den kurzen