1795_Huber_041_101.txt

. Der Sterbende schien sich jetzt seinen Gefühlen zu überlassen; er drückte lange seines Freundes hände, und schien ihn mehr in seine weiche Stimmung ziehen, als Stärke bei ihm finden zu wollen. Nach einer feierlichen Vorbereitung, mit einem Wesen, in welchem ein mehr geübter Menschenkenner als Teodor vielleicht Zwang und inneren Kampf erkannt haben würde, entdekte er ihm, dass seine Gattin und sein Kind noch lebten; dass er das Gerücht ihres Todes selbst genährt hätte, um sie sichrer zu verbergen; dass sie ihren Aufentalt im Gewölbe des alten Schlosses von C** seit den Niederlagen der Seinigen jenseits der Loire, nicht verlassen hätten; dass eine langsame Krankheit, die dem Leben seiner Gattin drohte, ihr Entweichen nach England, selbst wenn es bei der Wachsamkeit des Feindes ratsam gewesen wäre, unmöglich gemacht haben würdeSie verdiente ein besseres los! sezte er, in tieferen Ernst versinkend, hinzu. Ich verband mich im Ausland mit ihr, weil ich ihre Familie brauchte. Ihre verächtlichen Verwandten hatten sie mit sich in das Ausland geschleppt; das junge furchtsame Mädchen gab ihre Hand mit Vergnügen einem mann, bei welchem sie ihre ganze ehemalige Existenz wieder zu erhalten hofte. Ich habe ihr Zutrauen mit Betrug gelohnt; denn mein Ziel – – Er legte seine Hand auf die tiefe Wunde unter seiner Brust, und schwieg einen augenblick. Er fuhr fort: die sanfte Seele ward flüchtig, verfolgtsie tröstete sich mit dem Sohn, den sie mir gebahr. Sie klagte nie, und schmachtet nun, in einem ehemaligen Kerker verborgen, seit sieben Monaten dem tod entgegen. Einige bewährte Diener meines Hauses pflegen sie, bringen ihr die nötigsten Bedürfnisse, und sie entgeht der Mordlust des Feindes nur, weil man ihr lebendiges Grab von Geistern bewohnt glaubt. Wie wird aber die Unglückliche widerstehen, wenn das Gerücht meines Todes zu ihr dringt? Und wird es nicht den Mut der Getreuen, die stündlich ihr Leben für sie aussezen vollends niederschlagen? Wird dann mein Sohn, werden sie nicht vielleicht beide in die Gewalt der Feinde fallen? – Teodor! Ich begehre Ihren Schuz für die MeinigenIndem Sie diese Verbindlichkeit übernehmen, müssen Sie freilich für jetzt Ihren Ehrgeiz der Menschlichkeit aufopfernaber nicht Mitleid allein, nicht Freundschaft, wie Sie Betrogner wähnen, fordert Sie aufeine höhere Tugend, die den Menschen zum Helden, die ihn über sich selbst erhebt! Teodor! – Ihr ärgster Feind, der Zerstörer Ihrer Familieder Verführer, der Verderber Ihrer Sara, bittet Sie, sein Weib und sein Kind zu retten – – Teodor riss seine hände los, die der Verwundete hielt, und stand mit rollendem Auge, Entsezen in jedem Zug, erstarrt vor dem Bett. L*** lehnte sich erschüttert zurück, und sagte mit bebenden Lippen: Sterbend musste freilich Ihr Feind sein, um Ihrem rächenden Arm zu entgehen! – Teodor ballte seine hände krampfhaft zusammen, und wie er sein Seitengewehr, an das er heftig stiess, klirren hörte, stürzte er beide arme verschlingend an das andere Ende des Zimmers, als fürchte er sich, es wider Willen zu entblössen. – Mit einer stimme, an deren Erschöpfung und Anstrengung fast nur sein körperlicher Zustand Schuld zu sein schien, mit beinahe trokner Kürze, ohne Erklärung, ohne Beschönigung wie ohne Uebertreibung, erzählte nun L*** die geschichte seiner Verbindung mit der unglücklichen Sara. Oefter von den Ausbrüchen des unbeschreiblichen wütenden Jammers bei seinem Zuhörer unterbrochen, als von seiner eignen Schwäche oder Bewegung, hielt er jedesmal inne, bis jene vorüber waren, und Teodor wieder bereit stand, den Giftbecher vollends auszuschlürfen. Sara's schicksal war ihm bis zu der schröklichen Krankheit bekannt, in welche sie nach dem 21. Januar verfallen war. Von dieser hatte Teodor nichts gewusst; das Bild seiner wahnsinnigen Schwester ergriff ihn mit einer solchen Gewalt, dass er den Kopf auf beide hände gestüzt, selbst der Wut vergessend, laut weinteda fuhr ein leichtes Zuken über L***'s Gesicht: hätte ich nun versäumt, die Täuschung über mein Leben hinaus zu verlängern, und ich stürbe in diesem augenblick, so könnte die Welt denken, ich wäre nicht selig gestorben! Gut dass die Priester schon da warenund um des Besten unsrer Angelegenheiten willen wirst Du mich nicht verraten, TeodorBitter lachend murmelte er noch: Heiliger L***! bitte für uns – – Teodor widerstand kaum dem wieder erwachten Zorn; er knirschte: Heuchlerischerkalter Bösewicht! – Eine flüchtige Röte ergoss sich auf einen augenblick über die Wangen des Kranken; dann hob er sein bleiches Haupt: Nein, Teodor! Ich liebte sie! – – Gewaltsam schien er sich nun zu spannen: Höre, Teodor! Vielleicht sind die Geheimnisse dieser Brust noch ein Vermächtniss, mit welchem ich an Deinem vergifteten Leben etwas wieder gut machen kannEr wollte sich sammeln, um fortzufahren; es ist zu vermuten, dass in diesem augenblick Wahrheit aus seinem Herzen und über seine Lippen gekommen wäre; aber das schicksal wollte das Rätsel dieses Geistes unaufgelöst lassen. Die heftige Bewegung brachte innerlich eine Krisis hervor, die seine Sprache hemmte. Er griff matt nach Teodors Hand, die ihm dieser schaudernd entzog. Ein unmerkliches Lächeln, das Resignation sein konnte, schwebte um seinen blassen Mund; er faltete die ausgestrekte Hand wieder in die andre. – Eine kurze Pause erfolgte; Verklärung und Verdammniss schienen jetzt auf dem Gesicht des Sterbenden in einander verschmolzen. Zu schwach, um sich zu erheben, wandte