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Verrat an der Schwester bezwekte. So lebten Teodor und Sara mehrere Wochen einander nahe, und oft reichte der grausame L*** dieser eine Hand, die jener in der Stunde vorher gedrükt hätte, und verhinderte sie, eines durch des andern hülfe und Schuz, vielleicht wieder in den Schooss der Tugend zu kehren. Am zehnten August hatte Teodor an L***'s Seite gefochten, und er war es gewesen, der ohne Sara zu erkennen, bloss aus mechanischer Menschlichkeit, ihm zugerufen hatte: es ist ein Weib! – Bei dem tod von Sara's Liebling hatten in diesem augenblick von allgemeinem Aufruhr, wo nichts als Selbstverteidigung handeln konnte, beide nicht mehr Schuld gehabt, und beide hatten eben so wenig darum gewusst, als die Kugel selbst, die in des Kindes Schulter gefahren war. Sie wollten sich nachher durch einen ihnen bekannten Schlupfwinkel im schloss retten, aber sie verliessen ihn zu früh, und wurden ergriffen. Selbst unter den Mördern am 2. September war ihre Partei nicht unwürksam, und es waren Mittel verabredet, um sie während des Getümmels entkommen zu lassen. Doch hätten sie im geltenden augenblick diese Mittel beinahe versäumt, so erschüttert waren sie von Sara's fürchterlicher Erscheinung gewesen. L*** hatte sich zuerst gefasst, und ihm verdankte Teodor sein Leben. Lange in den vergessenen Kreuzgängen eines Klosters verstekt, trachtete Teodor nur darnach, von seiner verlornen Schwester etwas zu erfahren, und L*** bahnte sich den Weg nach dem neuen Schauplaz, auf welchem er bald darauf eine so glänzende und abenteuerliche Rolle spielte. Sie hatten Verbindungen nach aussen, und ein Grabgewölbe im nächsten Kirchhof diente zu ihren geheimen Zusammenkünften mit ihren Vertrauten, die sich des Abends in den Kirchhof verschliessen liessen, während dass sie durch einen unterirdischen Weg, dessen Ausgang, in einer von den Nischen der Gruft, mit einem Sarg bedekt war, an den verabredeten Plaz gelangten. Am Abend des 21. Januars hinterbrachte einer von jenen Unterhändlern Teodorn die Umstände dieses wichtigen tages; eben derselbe hatte auch Sara's Aufentalt, ihre damaligen Verbindungen entdekt, und war Augenzeuge ihrer unnatürlichen Wut bei dem Blutgerüste des Königs gewesen. Bei diesem schmerzlichen Bericht vergass Teodor alle Vorsicht, er brach in laute Klagen ausund es war wirklich wieder seine stimme gewesen, welche Sara's gepeinigtes Gehirn vollends zerrissen hatte. In der ersten Bestürzung über ihren Schrei und ihr Herbeistürzen schoss er blindlings eine Pistole gegen den vermeinten Feind ab; sein kühlerer Gesellschafter riss ihn fort, und ihr Schlupfwinkel war schon längst wieder unter dem nachgezognen Sarge verborgen, ehe man in dem Gewölbe nachsuchte. Bald darauf entwich er glücklich mit L*** an die Ufer der Loire. Die beiden Geschwister waren bestimmt, ihren Pfad bis zum Ausgang im grausesten Dunkel zu suchen; wenn indessen alles, was Sara erfuhr, unmittelbarer ihr Herz bestürmte, so blieb sie doch, selbst in Verirrung und Raserei, sich und ihrem Gefühle treuerTeodor hingegen hatte seinen Antrieb und seinen Lohn immer ausser sich gesucht, und war so das Spiel der Listigeren, die ihn umgaben, geworden, bis er, mit sich selbst unzufrieden, mistrauisch gegen seine Sache, seinen Unmut mit einem trügerischen System von Grundsäzen dämpfte, nach welchem der moralische Mensch, von dem handelnden getrennt, bei der Kenntniss der Wahrheit im Irrtum beharren durfte, wenn die Umstände es erforderten. Mit diesem Widerspruch in seinem Inneren, der seine Selbstachtung tödtete und seinen Mut lähmte, war er L*** in die Vendee gefolgt; doch musste er sogleich mit geheimen Aufträgen seiner Partei nach England, und kam erst kurz, nachdem die katolische Armee über die Loire gegangen war, wieder in diese Gegenden. Hier ward er bald, wie die meisten Menschen von solchen Anlagen und in solchen Verhältnissen, vom Betrognen zum Betrüger. Nachdem er lange für König und Gesez geschwärmt, sein Gewissen, sein Glück dafür geopfert hatte, warb er um andre für den Glauben, den er selbst verloren hatte, und kein Mittel war ihm zu empörend oder zu verächtlich. Sein stolzer Geist, sein aufgeklärter Verstand fügte sich in jede Mummerei der Priester; sein weiches Herz panzerte sich gegen alle Unmenschlichkeiten, die um ihn her vorgingen, die er selbst vollstrekte, und die den schröklichen Wetteifer von Grausamkeit unter Mitbürgern und Brüdern einführten. In den seltenen Augenbliken, wo der Sturm einer solchen Würksamkeit ihm Freiheit liess, sich mit sich selbst zu beschäftigen, versank er entweder in die finsterste Verzweiflung, oder spannte sich zu einer unnatürlichen Höhe, auf welcher er sich dünkte die Wage des Schiksals selbst zu halten, und dem Menschengeschlechte Elend, das zum Heil führe, zuzuwägen. Er focht bei Laval an L***'s Seite, und rettete ihn mit Gefahr seines Lebens, als er nach seinen empfangnen Wunden im Begrif war, den Feinden in die hände zu fallen. L*** zog siegend, aber auch sterbend in Fougeres ein. Wie er seinen Tod fühlte, der ihn mitten in seinen Planen, auf dem Gipfel seines Glücks überraschte, machte er seine Verordnungen mit der Kälte, mit der Ruhe eines Hausvaters, der sich zu einer kleinen Abwesenheit rüstet. Nachdem er für die Angelegenheiten seines Heeres, für die Sicherheit seiner Vertrauten, so weit es in seiner Macht stand, gesorgt hatte, schloss er sich mit Teodorn ein, der seinem nahen Tod, halb mit Schreken, halb mit der Art von Spannung entgegen sah, welche der Ehrgeizige bei dem erlöschenden Ruhm eines andern immer fühlt, auch wenn er nie sein Nebenbuhler gewesen ist