1795_Huber_041_10.txt

statt Wahrheit gefunden, hatte der Bosheit weichen müssen, und stand nun verkannt am rand des Grabes; aber ihm war nicht Undank geworden für LiebeHier tönte laut die stimme des alten Grams aus seinem armen Herzen, er wandte seinen blick von Bertiers grauem Scheitel, und rief seiner Kinder Bild hervor, um damit seine sehnsucht nach dem Tod zu bekämpfen. Teodors Lebensweise hatte sich durch diese neue Nachbarschaft sehr verändert. So entfernt auch jede Spur von Menschenverachtung von seinem Gemüt und seines Vaters Grundsäzen war, so hielten ihn doch seine Sitten, sein früh verfeinertes Gefühl von den Kindern der rohen dürftigen Landleute, und das Lokale seiner Lage von jedem andern vertraulichen Umgang zurück. Seine Knabenjahre waren ohne gefährten verflossen, und als Jüngling vermisste er oft einen Teilnehmer an seinen Zeitvertreiben; denn einen Freund hatte ihm seine lebhafte Zärtlichkeit für Sara bis jetzt ganz entbehrlich gemacht. Roger war zwar einige Jahre älter wie er; aber die Einfachheit seines ganzen Wesens, seine ungleich weniger wissenschaftliche Erziehung, seine offene Art machten diesen Unterschied unmerklich. Seldorf fühlte den Vorteil, welchen sein Sohn für seine Bildung von der Gesellschaft dieses wakern Jünglings ziehen konnte; er suchte sie durch Beschäftigung und Zeitvertreib an einander zu knüpfen. Konnte Teodor bei den Haushaltsarbeiten seines Freundes auch seinen Eifer für Feld und Wiese und Weinberge nicht teilen, so horchte er ihm doch aufmerksam zu, und half ihm mit lustigem Fleiss. Roger nahm dagegen an manchem Unterricht teil, den Teodor von seinem Vater empfieng. Er lernte zeichnen und fechten mit ihm, ob er sich gleich anfangs gegen das letzte geweigert hatte. In meinem stand brauche ich es nicht, sagte er mit einem trozigen Wesen, indem er, gewiss unwillkührlich, auf Seldorfs Ludwigskreuz blikte. Seldorf, der ihn erriet, fragte lächelnd: nun, warum denn nicht so gut wie Steine schleudern, und Armbrustschiessen? Es soll Ihren Arm stark machen, und mit keiner dieser Künste werden weder Sie noch Teodor je in Friedenszeit irgend wen aus der Welt befördern. – Roger lernte mit treuem Fleiss, hielt fest was er einmal gefasst hatte, blieb aber unaufhörlich hinter Teodors Schnelligkeit zurück, ohne darum jedoch sich irre machen zu lassen. Teodor machte hingegen, ohne die mindeste Anstrengung, die schnellsten Vorschritte, und benuzte alle Vorteile seines gewandten Körpers mit der zierlichsten Leichtigkeit; galt es aber einen starren Widerstand, so machte ihn seine unmässige Lebhaftigkeit aller kaltblütigen Gegenwehr unfähig. In andern Uebungen, beim Kämpfen, Ringen, und in allen Spielen, die Kräfte und Festigkeit erfordern, war Roger immer Sieger, wenn er nicht absichtlich Blössen gab. Ward Seldorf dies gewahr, so rief er ihm wohl zu, und ermahnte ihn, redlich mit seinem Gegner zu verfahren, und dann fehlte es selten, dass Teodor nicht bald am Boden gelegen hätte; wenn er sich aber wieder aufgerafft hatte, schüttelte er freundlich seines biedern Ueberwinders Hand.

So verlebten sie ungetrübt heitre Tage; Sara teilte jede Freude ihres Bruders, wohnte seinen Lehrstunden bei, und ermunterte ihn durch ihren eifersüchtigen Beifall. Roger diente ihr bei diesem zarten, zu lauter überspannten Empfindungen, zum Umgang mit lauter Idealen erzognen Geschöpfe nur zur Folie; sie liess zwar seinem treuen Sinn, seinem kühnen Mut, seinem kindlichen Herzen volle Gerechtigkeit wiederfahren; aber gegen Teodors in glühende leidenschaft übergehende Gefühle schien ihr das arme Naturkind nichts als ein froher, auf gut Glück loslebender Junge. Wurde sie von den beiden Jünglingen aufgerufen, bei ihren Spielen zu entscheiden, und Billigkeit nötigte sie, für Rogern den Ausspruch zu tun, so sah sie deutlich, dass seine Geschiklichkeit ihn freute und nicht ihr Ausspruch; hatte hingegen Teodor den Sieg behalten, so war sein Gefühl nur Dank gegen sie, dass sie ihm den Preis zuerkannt hatte, und schmeichelnde Liebe, als sei er ihn ihrem Herzen, und nicht seinem Verdienst schuldig. Waren die beiden jungen Leute durch Feld und Wald gestreift, so brachte ihr Roger einen ungeheuern Strauss von allen möglichen Feldblumen, und legte ihr, treuherzig überzeugt, seinem guten Wort könnte die gute Stätte nicht fehlen, den ganzen Plunder auf den Nähtisch, so dass er von allen Seiten auf den Boden fiel. Aber Teodor zog eine einzelne Waldrose aus dem Busen, und stekte sie in ihr braunes Haar, und sie hatte kaum Zeit, dem armen Roger zu danken, der indessen seinen Kräuterkram geduldig auflas, und ihr anbot, ihn in's wasser zu stellen. Erhöhte aber auch jeder Tag der Schwärmerin schwesterliche Liebe, so nahm sie doch mit der ihr eignen Innigkeit den Eindruk von Rogers unverkennbaren Tugenden auf. Teodor hatte zu viel Edelmut, um ihn nicht nach seinem vollen Werte zu schäzen; stolz auf seinen Freund erzählte er der Schwester jede seiner im Stillen, und doch so offen, ohne prunkvolle Verhehlung getanen schönen Taten. Einmal hatten die drei jungen Leute einen etwas weiten Spaziergang gemacht. Bei ihrer Rükkehr kamen sie an einer einzelnen ärmlichen Hütte vorüber, wo sie klagende Stimmen mitten unter einem heftigen Zank tönen hörten. Die beiden Jünglinge traten mit dem Gedanken, vielleicht helfen oder schüzen zu können, hinein, und fanden in einer fast ganz ledigen stube ein Weib, dem Anschein nach schon in der Unempfindlichkeit, die dem Tod oft vorhergeht, auf dem Stroh liegend; ihr Mann hielt ein neugebohrnes, aus Hunger schreiendes Kind auf seinem Arm, und suchte mit geschwächter, klagender stimme einen Frohnvogt zu erweichen, der eben gekommen war, um zur Tilgung des rükständigen Zehnten seine Kuh in'