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Terese Huber

Die Familie Seldorf

Eine geschichte

Erster teil

Im Frühling des Jahres 1784. kam zu Saumür in der ehemaligen Provinz Poitou, ein ältlicher Mann an, der, nach seiner Kleidung zu urteilen, ein Seeoffizier von ansehnlichem Rang sein musste. Er war von seinen Kindern begleitet: einem Sohn und einer Tochter von neun bis dreizehn Jahren, und einer zweiten Tochter, die noch in der frühesten Kindheit war. Die Kinder trugen tiefe Trauer um ihre vor kurzem verstorbene Mutter, aber weiter konnte die Neugier der Wirtsleute in dem wenig besuchten Gastofe anfangs nichts erfahren; denn die beiden Bedienten des Fremden, ein junger Bursche aus der Gegend von Saumür selbst, der zufällig ganz kurze Zeit vorher nach Paris gewandert war, um dort Dienste zu suchen, und eine Kinderwärterin, waren nur gerade vor der Abreise des Fremden aus der Hauptstadt von ihm angenommen worden, und wussten wenig mehr von ihrem neuen Herrn, als dass er seinem Namen nach zu urteilener hiess Seldorfkein geborner Franzos sein müsste, im amerikanischen Kriege gedient hätte, und mit einem zerschmetterten Arm zurückgekommen wäre. Er äusserte indessen bald, dass er sich einige Zeit in der Stadt aufzuhalten gedächte; und sobald er seinen Kindern, für welche er die gröste Sorgsamkeit zu haben schien, alle Bequemlichkeiten verschafft hatte, die bei der Beschaffenheit des Hauses zu erlangen waren, erkundigte er sich bei dem Wirt, ob in diesem Strich nicht irgend ein gut gelegenes Landgut, von mässigem Umfang, zu kaufen sein sollte. Es fand sich, dass dieser durch einen kleinen Weinhandel mit mehrern Herrschaften in Verbindung stand, und Leute in der Stadt kannte, die mit Aufträgen zu dergleichen Geschäften versehen waren. Seldorf nahm auf den folgenden Tag Abrede mit ihm, einige Gänge zu diesen Leuten zu tun, und kehrte hierauf zu seinen Kindern zurück. Er fand Sara, seine Aelteste, ein sanftes geschöpf von neun Jahren, neben der Kinderwärterin knieen, und ihr Schwesterchen, das ein heftiges Fieber zu haben schien, liebkosend trösten, indess der Knabe an einem Fenster stand, und mit grossen ernsten Augen auf die Gruppe blikte. Seldorf näherte sich der Kleinen, legte seine Hand an ihre glühenden Wangen, sah in ihre trüben Augen, und sagte zu Sara: Gutes Kind, deine Schwester wird nun gesund werden, diese Luft ist heilsamSara sah freundlich zum Vater auf, der mit Bestürzung wahrnahm, dass ihr Gesicht von Tränen benezt war. Was hast du? rief er, und zog sie zu sich. Antoinette ist ja nicht so krank, sie soll leben, und wir wollen sie pflegen, und für sie sorgen – O Vater, das ist's nicht! wenn sie auch stürbeich denke wohl, Vater, der Tod ist nicht das Betrübteste; aber so lange sie lebt, müssen wir ihr wohltun, und sie lieb habenund Teodor – – Ungedultig hatte dieser der Schwester zugehört, er eilte nun zu ihrSara, rief er dringend, du hast Unrecht, ich will Antoinetten wohltun, ich möchte jeden Schmerz für sie leiden; du weisst ob es wahr ist, was du mir vorwarfst, was du nun dem Vater sagen willstSeldorf unterbrach den stürmischen Knaben, drückte beide Kinder an seine Brust, und wollte sich eben nach der Entstehung ihres Zwistes erkundigen, als die kleine Kranke von dem Schooss ihrer Wärterin herabglitschte, und mit zitternden Schritten zu ihm schlich, seine Kniee mit beiden Armen umfasste, und indem sie bittend zu ihm hinaufsah, einige süsse Worte lispelte. Seldorfs Gesicht überflog eine glühende Röte, sein blick wurde finstrer, er bükte sich aber nach dem kind, dessen Kopf matt auf seine Kniee gesunken war. Teodor nahm es auf seine arme, sah auf den Vater, sah auf die lächelnde Kleine, und wollte sie lebhaft an sich drükken, als sie schmerzhaft ausschrie: Ach mein Hals! und nach einer breiten Binde grif, die sie bis an das Kinn verhüllte. Des Knaben Tränen stokten, er gab das Kind eiligst der Wärterin, und ohne den mindesten Ausdruk von Teilnahme gegen das wimmernde geschöpf, warf er sich seinem Vater um den Hals. Vater, rief er, Sara findet mich hart gegen Antoinette, weil ich nichtweil mein Herz mir es unmöglich machtweil wir Knaben wohl helfen mögen, aber nicht klagen und trösten können. – Ach Teodor, unterbrach ihn Sara, wie ich die Blattern hatte, konntest du da nicht klagen und trösten? Habe ich da nicht oft gebeten: Bruder, weine nicht! wie ich blind war, und deine Tränen so kühl auf meine brennenden hände fielen? – Sara, quäle mich nicht, denn ich habe recht. Du bist älter, du bist meine liebe Herzensschwester gewesen, lange eh der Vater uns allein liess, dich liebte ich ja, eh du nur mit mir sprechen konntestSeldorf wollte nun den zärtlichen Streit, dem er gerührt und nachdenkend zugehört hatte, endigen. Liebreich stellte er Teodor'n vor, wie selten es in der Macht des guten Mannes stände, den Leiden seiner Mitgeschöpfe abzuhelfen, und wie lindernd für den Leidenden Teilnahme und sanfte Tröstungen wären. Während dass Beschämung und Hartnäkkigkeit in des Knaben Seele noch kämpften, wendete sich der Vater zu Sara, und sagte: Mein Kind, Teodor will nicht hart sein gegen das arme geschöpf, das weisst du; von der Art, wie er euch beide liebt, kannst du nicht urteilen, meine