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Helldunkel, wie G l u c k seine Musik nennt, der Zeichnung folgen."

"Euridice ist gar ein armseliges poetisches geschöpf: nicht die schöne, junge, von einer Schlange in Blumen getödtete Griechin voll Adel und Unschuld des heroischen Zeitalters, sondern eine närrische Italiänerin; und der Zurückblick des antiken Dichtersin der unglücklichen Zerstreuung, da sein Herz voll ist von leidenschaft der Liebe, und seine Phantasie von allen den Wunderdingen, die er gesehen und gehört hat, und die ihn noch umgebenbis zur widerlichsten erzwungnen Handlung verzerrt. Wie albern, dass Euridice ihre Reize schildert, und sich verachtet glaubt! Blosse Instrumentalmusik und Pantomime, welche stumme Gefühle ausdrücken, wären hier wohl an ihrer rechten Stelle gewesen."

"Aber die Arie, die Orpheus, wie ein Amphion auf dem Delphin, in dem Schiffbruch der Oper singt: – Che farò senza Euridice! dove andrò senza il mio ben! che farò, dove andrò senza il mio ben!

Euridice, oh Dio, rispondi! io son pur il tuo fedel!

Ah, non m'avanza, più soccorso, più speranza, dal mondo, dal ciel! – ist göttlich, und gehört unter G l u c k s Vortreflichstes. Sie ist durchaus reine nackte Darstellung der allerheftigsten leidenschaft; die Melodie hat nichts von irgend einer Nazion, sondern ist allgemeine schöne menschliche natur. Auch hat G l u c k die reinste harte Tonart zum Ausdruck der Stärke meisterhaft gewählt."

"Im v i e r t e n A k t

will Orpheus sich umbringen; Amor aber erscheint ihm wieder, und gibt ihm endlich doch seine Euridice zum Lohn für so treue und starke Liebe. Tanz und Chor machen den Beschluss."

"Es bleibt immer eine Oper, worin viel Gold- und Silberadern sind; aber rechte Einheit von Originalität herrscht in ihr noch nicht. Sie ist eine Zusammensetzung von eigenen und fremden Formen. Inzwischen gab sie dem schläfrigen Schlendrian einen ermunternden Stoss."

L o c k m a n n setzte hinzu: "Um Ihnen die Art Gluckischer Musik im höchsten Adel der natur, und zur höchsten Schönheit gebildet, zu zeigen, will ich morgen die Antigone bringen, die T r a e t t a 1772, acht Jahre nachher, für die G a b r i e l i in Petersburg schrieb; und worin der grösste Italiänische Tonkünstler im Tragischen, besonders was den ersten Chor des Orfeo betrift, offenbar mit dem Deutschen rang."

"O, wenn wir die Antigone doch schon jetzt hier hätten!" antwortete ihm H i l d e g a r d voll Begierde. "Die Scene Ombra cara amorosa darin, soll der Triumph der G a b r i e l i gewesen sein. Ich habe sie nie erhalten können. Sie werden mir eine unaussprechliche Freude damit machen."

"Der Tag dauert noch lange," erwiderte L o c k m a n n ; "wir können die ganze Oper durchgehen." Er eilte fort, und kam bald wieder. Indessen konnte H i l d e g a r d sich nicht entalten, im Entusiasmus, und in aller Unschuld, der Mutter zu sagen: "Kein anderer Mensch, ausser unserm haus, hat mir je so viel Vergnügen gewahrt!" Diese Worte gingen der Mutter tief zu Gemüte. H i l d e g a r d hohlte inzwischen den S o p h o k l e s , und las den Inhalt der geschichte, um das Ganze gegenwärtig zu haben.

Antigone.

"Der Text" – fing L o c k m a n n an, wandelte mit H i l d e g a r d e n im saal auf und ab, und die Mutter ward mehr als je von einem besonderen Gefühl überrascht, als sie die schönen jugendlichen Gestalten, und die ausserordentlichen Reize des unvergleichdas Gedicht, ist von C o l t e l l i n i , nach dem Lieblingsstücke der Atenienser von S o p h o k l e s ; das Ganze aber, so wie E u r i p i d e s die Fabel behandelte. Antigone begräbt den erlegten Bruder Polynikes gegen das Verbot ihres Oheims Kreon, welcher die Todesstrafe darauf gesetzt hatte. Dieser verzeiht ihr endlich in der Grube, worin sie verhungern sollte, und sie vermählt sich mit Hämon, seinem Sohne."

"S o p h o k l e s ist ohne Vergleich lebendiger, als der Italiäner. Jener stellt die Antigone in dem von ihrem Vater geerbten Charakter dar: erhaben über alles Unglück, unbeugsam bei einer edlen Tat, und doch dabei weiblich, erzürnt und erbittert gegen ihre schwache Schwester und den Oheim; durchaus voll Gefühl und Verstand."

"S o p h o k l e s lässt weislich die gerechte Sache des Polynikes unberührt, damit Kreons Verbot nicht allzu unwahrscheinlich und tyrannisch werde. Vielleicht hätte das Ganze gewonnen, wenn Eteokles als ein liebenswürdiger Regent wäre geschildert worden; jetzt muss man nur raten, dass er es ist, weil ihm die Tebaner so beistehen. Polynikes fehlte gewiss, dass er sein Vaterland verwüstete, um wieder zur Regierung zu gelangen. Beim S o p h o k l e s ist es doch ein Kampf sehr wahrscheinlicher Leidenschaften; der Italiäner aber macht den Kreon gar zu unerträglich."

"Antigone ist inzwischen höchst interessant, und durch