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Scenen der vortreflichsten Oper mit sich, die er in Italien hatte aufführen hören; traf aber bei H i l d e g a r d e n auf dem Musiksaal schon die Mutter, welche sich auch vorgesetzt hatte, die beiden gefährlichen jungen Leute weniger aus den Augen zu lassen.

H i l d e g a r d war eben beschäftigt, alles zusammen zu suchen, was sie von G l u c k besass, und bat L o c k m a n n e n , dessen wichtigste Werke mit ihr durchzugehn.

Sie fingen gleich an mit

Orfeo ed Euridice.

"Diess, sagte L o c k m a n n , ist der erste Versuch des grossen Deutschen Künstlers, die neue Revoluzion in der Musik zu bewirken. Er wagte ihn zu Wien im Jahre 1764, in einem Alter von acht und vierzig Jahren, nach mancherlei auf den Teatern von Italien, London und Deutschland gemachten Erfahrungen von dem, was eigentlich dauernde wirkung hervorbringt. C a l s a b i g i , ein guter Italiänischer Dichter, ward leicht von seinen Gründen eingenommen, und liess entwarf unter seinem Rat und Beistand das Gedicht, und beide arbeiteten dann mit einander gemeinschaftlich."

"Die Italiänische Oper war bei dem ausschweifenden Luxus einzelner Sänger und Sängerinnen im Ganzen meistens doch nur ein armseliges Wesen, und glich so ziemlich dem neuern Römischen staat, worin nur wenige päpstliche Familien reich sind; passte so auch gut für Rom und das übrige Italien. Es lässt sich nicht läugnen, dass drei Akte lang weiter nichts als trocknes Recitativ und Arien nach einander, mögen einige auch noch so schön sein, Zuhörern von Kopf und Herzen, welche in den Logen nicht die meiste Zeit spielen, Gefrornes essen und Chocolate trinken, endlich langweilig werden müssen. Auch ward man schon vorher gezwungen, durch öftere und stärkere Begleitung bei Recitativen, und durch Ballete in den Zwischenakten, dem Schauspiel Abwechselung zu geben."

"Noch weit republikanischer wollt' es G l u c k machen: die F a r i n e l l i , die C a f f a r e l l i , die G a b r i e l i , die T o d i sollten nicht mehr Pracht und Reichtum zeigen, als ihr Text verdiente; das Volk der Sänger nicht allein auch etwas bedeuten, sondern die grosse Masse der Harmonie in Chören behaupten; und die übrige natur der Instrumente mit allen Schätzen des Luftreichs immer der menschlichen stimme, dieser Despotin der musikalischen Schöpfung, gehörig zu Gebote stehen."

"Die Fabel des Orfeo ist zwar ein reicher, aber kein tragischer und teatralischer Stoff. Das Ganze lässt sich dem Sinn des Auges nicht wohl darstellen: es ist mehr episch, oder für die Phantasie, und die Katastrophe beruht auf der Zerstreuung eines Poeten und Verliebten. Vielleicht wäre es treflich für eine rührende komische Operette, wie ein Geistlicher im Schwabenlande den Apfelbiss unsrer ersten Eltern behandelt hat. Aber es scheint, dass Orpheus, wie bei den Griechen, auch bei den neuern Nazionen in der Kunst voran gehen solle: P o l i z i a n fing mit ihm das neuere Schauspiel an; und R i n u c c i n i hundert Jahr nachher die Oper."

"Das Wesentliche der Fabel ist Liebe, Gewalt der Musik, selbst über die Götter des Tartarus, und doch Schwachheit der menschlichen natur am Ende."

"C a l s a b i g i hat den Stoff einzeln gut behandelt, und nur in der Anlage, wenn man will, gefehlt. Da er tragisch sein sollte, so durfte das Ganze nicht, gegen die Fabel selbst, glücklich ausgehn, und Orpheus die Euridice doch noch bekommen. Der Dichter richtete sich aber nach der neuern verzärtelten natur, besonders der Italiäner, die nichts Tragisches mehr vertragen kann. Das Ganze ründet sich desswegen auch nicht, zerfällt in vier Akte, und wird gleichsam vierekkig."

"Der erste Akt ist Leichenfeier; und Erscheinung Amors, als Beistand. Der z w e y t e , Kampf und Sieg über die Unterwelt. Der d r i t t e , Erliegung der Menschheit, und Verlust. Der v i e r t e , Geschenk und Gnade."

"G l u c k ist in seiner neuern Musik wirklich Originalgenie; er arbeitet beständig auf den Ausdruck, und sein Zweck dabei ist tiefe wirkung des Ganzen. Als Mann von Verstand, Gefühl und grosser Kunstkenntniss erreicht er diesen Zweck auch in seinen besten Werken."

"Allein diess ist noch nicht genug. Vollkommne Kunst besteht in Darstellung nicht der natur überhaupt, oder dieser und jener Art von natur, sondern der gebildeten natur in ihrer Stärke und Fülle, der hohen, schönen, der edelsten und schönsten natur. Kein Drama, kein Gemählde, keine Bildsäule, wenn sie nicht blosses Porträt sein soll, kann in die erste Klasse gesetzt werden, falls sie nicht auch vortreflicher Ausdruck, vortrefliche Darstellung der ersten Klasse von Menschen ist."

"Nach dieser Regel, die zu allen zeiten wahr bleibt, kommt G l u c k , was hohe Schönheit betrift, den grossen Neapolitanischen Meistern, L e o , J o m e l l i , T r a e t t a , M a j o selten gleich, wenn man ihr Vortrefliches mit dem seinigen in Vergleichung stellt. Dabei aber behauptet er doch, was