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wiederholten das Schöne. Auch H o h e n t h a l weidete sich an den neuen Schätzen, und begleitete seine Schwester bei der herrlichen Scene von M a j o wie ein Meister. Man sprach noch, als es schon anfing dunkel zu werden, über den Charakter der drei grossen Künstler der neuern Zeit in Italien. L o c k m a n n beschloss: "Wenn T r a e t t a es trift, so ist er der wahrste, und gleicht dem T i z i a n in seinem Kolorit. Schade nur, dass diess selten geschieht, und er eine solche Menge Chocolatenarien gemacht hat!"

Der Prinz wusste nicht mehr, wie er angreifen sollte; H i l d e g a r d liess sich nie anders sehen und von ihm sprechen, als in Gesellschaft. Er und der Graf von T ö r r i n g waren eifersüchtig auf den Herrn v o n W a l l e r s h e i m , mit dem sie doch nur scherzte, sich auf nichts Ernstaftes einliess, und den sie nur aufstellte, um den Verdacht wegen L o c k m a n n s zu entfernen. W o l f s e c k , der wenig mehr in Betrachtung kam, war wohl auch eifersüchtig auf den H e r r n v o n W a l l e r s h e i m ; aber sein eigentlicher Grimm ging, wie anfangs, noch immer auf L o c k m a n n e n , doch nur aus Instinkt, und ohne dass er etwas wusste. W a l l e r s h e i m fing an zu wittern, und merkte an dem leeren Gehalt etwas von der Rolle, die er gern oder ungern spielte; wusste aber auch nichts, als was jedermann sah und hörte, welches nicht den entferntesten anständigen Grund geben konnte. Die gewöhnliche Eitelkeit auch nur zum Schein einigermaassen begünstigter Liebhaber machte, dass er kaum eine Sylbe davon bei sich selbst berührte. Seine leidenschaft war ausserdem bei weitem nicht so stark als die leidenschaft des Prinzen und des Grafen. Der Prinz, der Feinste unter allen, verbarg die seinige mit ausserordentlicher Klugheit. Nicht so der Graf, welcher den Herrn von W a l l e r s h e i m wegen seiner Gaukeleien um die Damen, die gewöhnlich nur Zeitvertreib zur Triebfeder hatten, schon bitter anzapfte, und ihn aus unwillkürlicher Besorgniss scheel ansah.

Die vortreflichen Scenen von M a j o und J o m e l l i wurden im Konzert mit neuer Bewunderung gehört. W a l l e r s h e i m stellte sich recht in seiner angenehmen Gestalt vor die unvergleichliche Iphigenia hin, und fing jeden laut von ihr mit Entzücken auf. Graf v o n T ö r r i n g und W o l f s e c k hörten von verschiedenen Seiten zu; aber die Eifersucht im Herzen, und zu wenig Kenntniss, besonders bei dem letzteren, gestatteten ihnen keinen rechten Genuss. Der Prinz blieb als Kenner in gehöriger Ferne; er hatte sich mit der Frau v o n H o h e n t h a l und dem Fürsten den besten Punkt erwählt, und sprach hernach auch am besten unter Allen über Musik und Vortrag.

Er meinte, auch der stärkste Ausdruck lasse sich mit der höchsten Schönheit der Melodie und Harmonie vereinigen, wie hier die zwei Neapolitaner zeigten; und die Musik wirke so weit mehr, als wenn man sie zum Schrei der natur, oder zur bloss erhöhten Declamazion der Worte, herunter setzen wolle. Die Worte, wiederhohlt und mit neuen Wendungen und Gefühlen in Melodie und Harmonie, nach der von V i n c i an bis zur Vollkommenheit ausgebildeten Form, drängen um so viel stärker ein. G l u c k sei zu streng auf einmal zurückgegangen. Seine lyrischen Schauspiele machten eine eigne Gattung zwischen Tragödie und Oper; diese Gattung könne nur von wahrem Genie sowohl des Dichters als des Tonkünstlers bearbeitet werden, und das Mittelmässige sei darin unerträglich. Die Kunst müsse sich auch nach den Bedürfnissen der Menschen richten. Man gehe nicht immer in die Schauspielhäuser, um Tumult und Aufruhr im inneren zu werden; das Ohr, dieser göttliche Sinn, verlange auch etwas zu seinem besonderen Vergnügen. G l u c k selbst habe in seiner Iphigenia in Tauris auch schon sehr viel nachgegeben.

"Keine himmlischere Wonne verlangt mein Herz und Ohr, gnädiges fräulein, als Sie die Rolle dieser Iphigenia zum Entzücken und Erstaunen, selbst der Pariser, in jener Menschenwelt, unter der vollen, von dem Meister selbst geübten Gewalt der Begleitung, spielen zu sehen."

Diese Apostrophe fasste sie recht, und durchfuhr ihr Innres. Wenn er etwas hätte ausrichten können, so wär' es auf diese Weise gewesen; doch sagte er diess nicht aus Absicht.

Sie blickte ihn darauf minder streng als vorher an, und antwortete gefällig: "Prinz, Sie denken zu hoch Der Prinz baute gleich sehr viel auf diese günstigen L o c k m a n n aber fing an besorgt zu werden bei Vom Herrn v o n W o l f s e c k befürchtete er d e n oder andern Bekannten ging, seinen Degen immer bei sich.

Er setzte sich vor, alles zu wagen und das Aeusserste zu tun, damit sie ihm nicht entrissen würde. Den Tag darauf nahm er die besten