nieder.
"L o c k m a n n , kommen Sie zu Sich!" Mit diesen Worten fasste sie ihn an den Schultern, ihn von sich zu stossen, indess er, mit dem Gesicht in ihrem Schooss, ihre Beine fest umschlungen hielt. "Es kommt Jemand, Unsinniger! mein Bruder!" Diese Worte rissen ihn plötzlich in die Höhe; er fuhr mit dem kopf zum Fenster hinaus, um die Glut in seinem Gesicht zu verbergen. Sie zog ihn schnell zurück, damit ihn niemand sähe; denn die Ankunft des Bruders war nur Erfindung.
"Noch einmal so etwas, L o c k m a n n , und wir sind auf immer geschieden!" sagte sie ihm auf das allerstrengste; aus ihren Blicken aber sprach eine gewisse, nicht ganz so strenge Glut, welche sie nicht völlig zu unterdrücken vermochte.
"Fort! fort!" sagte sie, nahm ihn beim Arm, nachdem sie einigemal, jedes für sich, die Kreuz und die Quer auf und ab gegangen waren, und führte ihn an das Klavier zu seinen Opern, die sie den Morgen für sich schon durchgesehen hatte.
Ihre Blicke auf einander am Klavier? O, wenn es dafür eine Mahlerei gäbe!
"Nun, angefangen!" sagte sie voll Zorn. Er stammelte:
"Ifigenia in Tauride di Majo. Ifigenia in Tauride di Jomelli."
"Text von Verazi."
Sie liess ihn auf keine Weise von den auf dem Pulte liegenden Werken weg sehen, indess die Mutter wie ein furchtbarer Dämon in den Saal trat. einem tiefern Rot. Die Mutter hatte auf dem Gange zu ihrem Zimmer L o c k m a n n e n an H i l d e g a r d s Fenster bemerkt, und war unruhig geworden über ihre Sorglosigkeit.
Sie schwieg, und ging mit einem sehr auffallend misstrauischen blick langsam nach dem Sopha. L o c k m a n n stand auf, und verneigte sich etwas ungeschickt; nahm aber inzwischen doch sein ganzes Bewusstsein zusammen, und fuhr nun mit Gegenwart des Geistes fort, als ob ihre Ankunft ihn unterbrochen hätte:
"J o m e l l i , der sie zu Neapel im Jahre 1771 nach M a j o schrieb, hat Verschiednes weggelassen und verändert, besonders in der Rolle des Orestes."
H i l d e g a r d hörte wenig von dem, was er vorbrachte, und sagte sittsam und zärtlich zu ihrer Mutter: "Wir haben eben angefangen, die Iphigenien von M a j o und J o m e l l i durchzugehn."
Die Mutter schwieg noch immer, nahm einen Stuhl, und setzte sich näher.
L o c k m a n n dachte: gesehen hat sie doch nichts! Er fasste Mut, blätterte in der Partitur, und fing von neuem an.
"Es ist unbegreiflich, wie man nach dem Meisterstücke des E u r i p i d e s so etwas Mittelmässiges machen konnte! Der Kaffern-König Merodates, und die Tomiris müssen erbärmlich den Knoten auflösen und die Griechen wegbringen. Einige schöne Arien und die Situazionen ausgenommen, herrscht in dieser Oper gar nichts von dem Gefühl, das im E u r i p i d e s so aus der innersten natur gehohlt ist und überall entzückt. Schade, dass zwei der grössten Tonkünstler ihr Genie daran verschwendet haben!"
"Das Wahre der Fabel besteht in Folgendem: Orestes muss, dem Verhängnisse der Götter zufolge, nach manchen Trübsalen noch die Todesangst wegen des Muttermordes ausstehen; seine jüngste herrliche Schwester und sein himmlischer Freund retten ihn endlich, und machen ihn wieder glücklich. Das Ganze wird durch Religion reizend verschleiert und verziert."
"Der Opernmacher V e r a z i hat gar keine Ahndung davon gehabt. Kindisch verändert er die Fabel und lässt den Orestes wider Willen seine Mutter Klytämnestra ermorden, weil sie unversehens dazwischen läuft, als er den Aigist ersticht."
"Aber die Musik selbst? – Es ist ein wahrer Ohrenund Seelenschmaus, den alten grossen J o m e l l i am Ende seiner Laufbahn den Zauber des himmlischen Genius M a j o bekämpfen zu sehen! Wahrscheinlich wählte er V e r a z i ' s im grund armselige Oper desswegen, weil er sich mit diesem bewunderten Jüngling messen wollte. Neapel hat gewissermaassen zum Vorteil des letzteren entschieden, und der Alte, wie man sagt, sich darüber zu tod gegrämt. Heftige Eifersucht war ja immer bei grossen Talenten. – Zeit und Umstände können auf das Urteil Einfluss gehabt haben; die Nachwelt soll unparteiisch richten."
"Ich selbst kann nicht umhin, so sehr ich auch J o m e l l i ' n bewundre, M a j o ' n , was diese Oper betrift, meine stimme zu geben; ob ich gleich bekennen muss, dass J o m e l l i das Wesentliche des Stücks richtiger gefasst, und ohne Vergleich vortreflicher dargestellt hat. Das Wesentliche ist ohne Zweifel das Leiden und die Raserei des Orestes über den Muttermord. J o m e l l i hat eben hier den Text verändert und Neues hinzu gefügt. Seine Musik hat den eigentlichen Charakter, den der edle Orest haben soll; sie ist voll des tiefsten Gefühls und der höchsten Schönheit. Man kann nichts Göttlicheres hören, als die vierte Scene des ersten Akts: Per pietà, deh nascondimi almeno di quel seno l