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, weil sie alle Gelegenheiten dazu klug und fein vermied.

Solchen Widerstand hatte er, bei seiner wirklich schönen Gestalt und seinem verführerischen Wesen, noch nicht gefunden. Sein Vorsatz war, auf kurze Zeit nach Spaa zu reisen, mit einem unwichtigen Auftrag für Brüssel. Aus hoffnung, vielleicht noch seine Absicht zu erreichen, gab er jenen auf, und schickte seinen Begleiter ab, diesen auszurichten.

Der Minister, ein erfahrner Weltmann, schätzte H i l d e g a r d e n hoch, wie sie es verdiente, und wünschte sich zwar herzlich eine solche Schwiegertochter, erkannte aber ziemlich unparteiisch das Unharmonische zwischen ihr und seinem Sohn, bezeigte gar keinen Eifer für die Verbindung, und reiste wieder ab zu seinen Geschäften.

L o c k m a n n fuhr fort, seinen Tag nicht zu versäumen, und kam zu der gewöhnlichen Zeit mit zwei neuen Opern. Er traf gerade den Herrn v o n W a l l e r s h e i m bei H i l d e g a r d e n , mit Mutter und Bruder, im Musiksaal. "Sie kommen eben recht, Herr Kapellmeister," redete H i l d e g a r d ihn, zwar freundlich aber mit einem gewissen gebieterischen Wesen, an; "Herr v o n W a l l e r s h e i m hat die Musik von S t e r z e r zu N o v e r r e ' n s Ballet Les Horaces et les Curiaces aus Wien erhalten, und ist so gütig gewesen, sie mir zu bringen. Sie werden Sich mit uns darüber freuen."

"Gewiss, erwiderte er; ich selbst besitze von dem klassischen Meister für dieses Fach nur Adèle de Pontieu." Er nahm die Partitur, setzte sich damit aus Klavier, las sie nebst der Beschreibung geschwind durch, und spielte dabei einige Stellen. Indessen unterhielten sich die Andern in den Zimmern vor dem Saal gegen die Strasse zu.

Als L o c k m a n n fertig war, spielte er sie mit einigen Griffen wieder herbei, und fing an über das Ballet zu reden.

"Ein Ballet, sagte er, ist die Darstellung einer Begebenheit durch Mienen und Geberden, Tanz, und Gruppirungen für das Auge: gleichsam eine Mahlerei in lebendiger Folge. Man muss also begebenheiten dazu aussuchen, an denen das Wesentliche und Interessanteste gerade den Sinn des Auges trift."

"Die Musik drückt die Gefühle dabei aus, und gibt das Maass zu den Bewegungen. Je mehr der Körper dabei handelt, und je weniger die Sprache dabei nötig ist: desto besser die Begebenheit. Grosse massen; Ferne, wo man glauben kann, dass man die Worte nicht mehr vernehme; Krieg und Streit in Wirklichkeit; Liebesscenen, wo Hand und Arm, Fuss und Auge hauptsächlich im Spiel sind: Landschaften; Sturm und Wetter; alle Jahrszeiten in ihrem Lebendigen; Meer, und Ströme und Wälder; Ernten, Jagd, Weinlese, Fischfang, Vögelfang, Hochzeiten; Wirtshäuser, Lager, Festungen, Seehäfen; kurz, Alles, was dem Auge Genuss gibt, wobei unter den Menschen Instrumentenspiel gebraucht wird, bei Festen und Schlachten, ist dazu vortreflich."

"Diese Bemerkungen als richtig vorausgesetzt: so gehört wohl die Begebenheit zu diesem Ballet unter Nummer Eins in der ganzen geschichte, für teatralischen Tanz. Sie liegt ganz gediegen da, und N o v e r r e brauchte wenig künstliche Form hinzu zu bringen."

"drei junge Männer von beiden Seiten; eine reizende Jungfrau der Preis auf jeder; zwei Völker, die, weit über diesen Preis, ihre herrschaft für beständig aufs Spiel setzen; zwei Armeen; zwei Könige; die pittoreske Römische Gegend; und, zum recht Dramatischen, die eine Jungfrau Schwester des Siegers, und Geliebte des einen Erlegten: nie war eine Begebenheit von grösserm Interesse."

"S t e r z e r s Musik ist ihm eigen. Er hat wenig Glänzendes in der Melodie, aber ergreifenden Rhytmus, welcher hier das Wesentliche ist, und passende Harmonie."

"sonderbar ist es, dass er das herrliche Instrument für den Krieg, die wilde Klarinette, nicht gebraucht hat. Gewiss ein wahrer Mangel. Er braucht meistens Trompeten, Hörner, Flöten, Hoboen, Fagotten und Pauken, nebst den Geigen."

"Der erste Akt

ist bloss Vorbereitung. Anfangs tritt Kamilla auf, Schwester der Horazier, voll zärtlicher Liebe für den ältern der Kuriazier, dem sie eine Schärpe gestickt hat für den Kampf, und der selbst erscheint. Ihre Lage ist verzweifelt."

"Die Trompeten erschallen; er entfernt sich."

"Die Horazier nehmen darauf von ihr Abschied. Der alte Horazius kommt noch dazu; auch Proculus, und Fulvia, seine Tochter, welche der Preis des Siegers, des ältern Horaziers, sein soll."

"Kamilla fällt zu Ende vom Kampf der Leidenschaften in Ohnmacht."

"Der zweite Akt

ist das Wesentliche und Vortreflichste vom Ganzen. Das Ballet zeigt sich dabei in seiner höchsten Pracht: Feld, Armeen, Könige, Opfer auf Altären, feierlicher Schwur, alles auf den Grenzen von Alba und Rom."

"Kriegerische, heroische Musik. Die Armeen strekken die Waffen, und fallen auf die Knie. Darauf geben die Trompeten das Zeichen zum Angriff."

"Die Luft erschallt von den Streichen."

"Der Kampf ist zweifelhaft, und