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r o s a ' s merkte L o c k m a n n noch an, dass er seine mehrsten Sachen, nach der in Italien eingeführten übeln Gewohnheit, äusserst geschwind habe schreiben müssen, manche Oper binnen vierzehn Tagen, drei Wochen; und dass er einer von den wenigen Meistern sei, die allen möglichen Vorteil aus den Stimmen ihrer Sänger und Sängerinnen zu ziehen wüssten.

Den Abend war Spielgesellschaft bei hof, wovon H i l d e g a r d schicklich nicht wegbleiben konnte. Es wurde so eingerichtet, dass sie, der Prinz und der Minister zu einer l'Hombrepartie kamen; und das los wollte, dass sie dem erstern gegenüber sass.

Diess war ihr höchst unangenehm, liess sich aber nun nicht ändern. Sie setzte sich vor, ihm, und beiden, mit blossem kalten verstand zu begegnen, und sich so viel als möglich nur mit ihrem Spiel zu beschäftigen; besonders da der Prinz es ziemlich hoch vorschlug.

Sie spielten kaum eine halbe Stunde, so war er schon oft Labet geworden, und H i l d e g a r d hatte Glück. Der Fürst kam, eben als sie Karte gab, und bat um einen Augenblick Unterredung mit dem Minister, die aber fast eine Viertelstunde währte. H i l d e g a r d und der Prinz blieben nun allein an ihrem Tisch, von den Andern so entfernt, dass man wohl sprechen konnte, ohne verstanden zu werden. Sie wendete sich, um noch Jemanden zur Gesellschaft zu haben, und wollte selbst aufstehen; aber er hielt sie zurück mit höchst bescheidnen Blicken, und fing gleich an mit diesen Worten:

"Vergebung! fussfällig, wenn Sie allein wären, H i l d e g a r d , nicht anders zu nennen, einzige! Wer hätte in dem Augenblick so vieler Schönheit, so unendlichen Reizen widerstehen können? Ich nicht."

"Einen Würdigen, einen der an Vollkommenheit Ihnen gleich wäre, werden Sie auf Erden schwerlich antreffen; Sie müssen also immer eine ungleiche Heurat machen. Ledig werden Sie doch nicht bleiben wollen? Pfui! dazu sind Sie nicht bestimmt. Ich wüsste keinen bessern Mann für Sie, als W o l f s e c k . Er hat alles, um eine kluge Frau zur glücklichen Despotin über ihn zu machen, wenn sie nur will; und der Herzensgute wartet auch noch."

"Ach, dass ich schon vermählt bin! dass wir Europäer so eingeschränkt sein müssen! Ich würde alles tun, mich Ihnen gefällig zu machen, zu einer Verbindung auf mein Leben."

Sie sah ihn mit einem hellen zurückstossenden blick an, und gab ihm dann kalt zur Antwort: "Man kann nicht mit mehr Verstand sprechen, als Sie, Prinz. Wohl dem land, dessen Fürst Sie werden, wenn Sie zuvor noch Herr über Ihre vielleicht nur zuweilen vorüberfliegenden Leidenschaften geworden sind! Was die kluge glückliche Despotin des Herrn v o n W o l f s e c k betrift: so überlass' ich die Rolle einer Andern, da es mir, nach meiner Art zu empfinden und zu denken, nicht möglich ist, weder so klug noch so glücklich zu werden."

"Dass auch an dem geschliffensten verstand," erwiderte er, "sich Rostflecken der Erziehung ansetzen, bei denen die beste Lebensphilosophie Not hat, sie wieder wegzubringen!"

"Wir wollen nicht mit Worten spielen," erwiderte sie darauf, und fuhr fort: "Prinz, Sie haben eine tugendhafte Gemahlin, der Sie Treue schuldig sind. Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal. Besondrer Geist, Zeit und Umstände haben uns in gewissen Jahren schon so fest gebildet, dass auch die beste Lebensphilosophie nichts daran zu ändern vermag. Was Ihnen Rostflecken zu nennen beliebt, nannten die würdigsten Männer durch alle Zeitalter: e d l e M e n s c h h e i t ; wenigstens bei unserm Geschlecht."

"Männer! unwürdige Ehemänner!" fing er an zu antworten, als sie schon aufgestanden war, zu ihrer Mutter zu gehen, indess Minister und Fürst herbei eilten und um Vergebung baten.

Das Spiel dauerte bis zur Tafel. H i l d e g a r d behielt immer gleiche Gegenwart des Geistes, verlor zuweilen mit Fleiss, und konnte doch nicht umhin, eine starke Summe zu gewinnen, wenn sie nicht das Spiel zur Posse machen wollte. Dann sprach sie mit ihren Freiern vorüberschlüpfend, und sagte jedem etwas Scherzhaftes. Bei der Tafel war sie ernstaft und fröhlich, wie es das Gespräch mit sich brachte. Inzwischen schien bis jetzt W a l l e r s h e i m einigermaassen begünstigt.

Den Sonntag, Morgens, führte L o c k m a n n das Dixit von M a j o auf, welches verdienten Beifall erhielt. D a m m s herrliche Bassstimme, und das Solo für die tiefen Töne, in meisterhafter Melodie, ward besonders bewundert.

Im Konzert ergötzten die Finalen von C i m a r o s a höchlich, und Madam E w a l d glänzte in der schönen Arie der witwe Alfonsina. Aber Alle verlangten noch H i l d e g a r d s Zauberkehle zu hören; wozu sie sich jedoch nicht erbitten liess.

Der Prinz bemühete sich, mit H i l d e g a r d e n allein, wenigstens nur in ein Gespräch, zu kommen; es glückte ihm aber nicht