; und der ganze Scherz ward entdeckt.
Das Gespräch war nun auf einmal traulicher, wie zwischen Gleichem und Gleichem; der Prinz sagte die allerangenehmsten Sachen mit Witz, Geschmack und Gefühl, konnte aber seiner Unzufriedenheit über die Entdeckung nicht so völlig, wie bei andern Gelegenheiten, Meister werden.
Mit der äussersten achtung führte er H i l d e g a r d e n selbst zur Tafel; und nahm den Sitz zwischen ihr und seiner Mutter, der Fürstin.
Wie es bei plötzlicher Ueberraschung und Freude zu geschehen pflegt, wurde vieles bunt durch einander gesprochen, über Wien, Paris, London, berühmte Personen. Auch H i l d e g a r d sagte bei gelegenheit ihre Meinung, zwar frei, aber bescheiden; und der Prinz merkte, dass er eine person von geübtem verstand vor sich hatte.
Der Fürst stand bei zeiten auf, um die Herren von der Reise ausruhen zu lassen; und man ging bald aus einander.
L o c k m a n n hatte den andern Morgen seine Leute zur probe für eine Kirchenmusik auf den nächsten Sonntag bestellt, und dazu das Dixit von M a j o gewählt, weil der Prinz diesen Meister nicht kannte.
Text und Sinn der Worte wussten sie alle; er erklärte ihnen nur kurz die musikalische Behandlung derselben, und sagte:
"Ein himmlischer Genius voll Leben, Geist und Grazie, unter ernsten Kirchenvätern mit Silberbärten. Das neue gewandte Spiel bei dem Canto fermo und dem alten Kirchenstyl hier und da ist ungemein reizend, wie ein Edelstein mit zierlicher prächtiger Einfassung. Es ist eben der Grad getroffen, der auch der Strenge eine süsse Heiterkeit abgewinnt; alles Bunte vermieden, und Reinheit, klarheit durch und durch herrschend. Dieses Dixit hat unter den neuern Kirchensachen einen ganz eignen originellen Charakter, und behauptet einen vorzüglichen Rang."
"Dixit Dominus Domino meo: sede a dextris meis, donec ponam inimicos tuos scabellum pedum tuorum23. Dieses macht ein prächtiges ausgeführtes Ganze mit der herrlichen Begleitung."
"Nun kommen Solos."
"Virgam virtutis tuae emittet Dominus ex Sion: dominare in medio inimicorum tuorum. klar, schön, und voll Einfalt."
"Tecum principium in die virtutis tuae in splendoribus sanctorum: ex utero ante luciferum genui te. Dieses gehört mit der reizenden Begleitung unter die schönsten Bassarien für Kirchengesang."
"Dominus a dextris tuis confregit in die irae suae reges: ist fast durchaus zweistimmig, so einfach begleitet, um den Ausdruck recht klar zu machen. Es erinnert mich lebhaft an die Gewalt einer himmlischen stimme in Venedig, die durchaus Solo, vom blossen Orgelbass in der tiefern Oktave der Melodie begleitet, einen Psalm bei, Nacht in der Kirche sang. Was für einen Lärm würde ein Tonkünstler ohne Erfahrung, ohne Kenntniss dessen was wirkt, auf confregit gemacht haben!"
"Judicabit in nationibus, (Solo, und darauf immer Chorus) implebit ruinas. Mit vortreflicher Begleitung, prächtig und reizend."
"Conquassabit capita in terra multorum, bloss Chorus von Stimmen, in Absätzen von Instrumenten verstärkt, fugirt, von grosser wirkung im alten Kirchenstyl. Diess macht gewissermaassen den Kern. Hörner und Hoboen fallen herrlich ein, und die Harmonie ist klar und leicht bei der Verflechtung der Stimmen."
"Nun wieder Solo. De torrente in vis bibet, propterea exaltabit caput. Eine Leichtigkeit, Musik hinzuzaubern, die schon an und für sich selbst entzückt bei so schöner Melodie und Begleitung."
"Das Solo darauf: Gloria patri, gloria filio et spiritui sancto, ist hier und da zu leichtfertig behandelt. Zwei Accorde, A moll und G dur, folgen ganz ohne Verbindung zu grell auf einander. Dieses ist aber auch das einzige Mittelmässige im Ganzen."
"Das Sicut erat in principio et nunc et semper, erhebt sich darauf desto prächtiger in himmlischen Solos und Chören, und schliesst und rundet majestätisch das Ganze mit Wiederholung der Begleitung im Anfang."
"Das Amen ist recht feierlich mit Windungen der Stimmen auf Orgelpunkten ausgearbeitet. Das Schönste vom Ganzen wird wiederhohlt, das Amen fugirt; ein Chor des Paradieses."
Das Schwere ward einigemal probirt, bis es nach Wunsch gelang; und dann gab L o c k m a n n jedem seine stimme mit nach haus.
Des Abends ging er zu H i l d e g a r d e n , um sich mit ihr wegen des, nächsten Konzerts zu besprechen. Sie kamen mit einander überein, ihm mehr Abwechselung als gewöhnlich zu geben. Frau v o n L u p f e n sollte sich auf dem Klavier, und F r a n k auf der Hoboe hören lassen.
Er hatte den Alessandro nelle Indie von M a j o bei sich; sie wählten daraus nur das göttliche Duett zwischen Poro und der Cleofide: Se mai turbo il tuo riposo, pace mai non abbia il cor24. H i l d e g a r d sagte selbst, dass die Melodie wahrer Engelsgesang sei, besonders durch die halben Töne bei der letzten Stelle.
In der Scene Poro dunque mori, und der Arie dazu: Se il ciel mi divide dal caro mio sposo25, zog H i l d e g a r d P i c c i n i ' s Komposition, die unter ihrer Musik war, für ihre stimme vor. L o c k m a n n sagte: "Weder P i c c i n i , noch