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hatte aber ein gebildetes und erfahrnes Ohr für die Schönheiten der Kunst.

Eine für die Folge passende Symphonie von H a y d n , die ihm schon bekannt war und äusserst richtig im Tempo und Charakter vorgetragen wurde, machte ihn jedoch geneigt, ferner zuzuhören. Wie erstaunte er aber, als L o c k m a n n , weit mehr als R a a f , was Geist und heroischen Charakter betraf, die göttliche Arie des Montezuma sang: A morir se mi condanna la tiranna ingrata sorte! Solche! neue reizende Schönheit in Melodie und Harmonie hatte er noch nicht empfunden. Bei der erhabnen Stelle: Ah, si cada almen da forte! stand er hingerissen vom Sitz auf, und trat leise weit in den Saal hinein, bis nahe vor die edle Liebesgestalt des Sängers.

Nach Endigung der Arie konnte' er diesem und dem Fürsten seine Bewunderung nicht genug ausdrücken. Auch er kannte Majo nicht, setzte im Gesang ihn weit über G l u c k e n , und bat, auf die schmeichelhafteste Weise, um die Wiederholung der ausserordentlichen Scene.

L o c k m a n n sang sie mit den angenehmsten Veränderungen, die alle zu dem Heroischen des Ausdrucks passten; und erhielt neue Lobsprüche. Der Prinz sagte: "Schönheit geht bei den Künsten über alles."

Alsdann musste H i l d e g a r d zum Duett auftreten. Der Fürst gab sie für eine fremde Sängerin aus, und hatte, während der Prinz mit L o c k m a n n e n sprach, sie beredet, es geschehen zu lassen. Sie kannte den Prinzen kaum, und er sie gar nicht. Er sah sie anfangs unter den andern Damen wie versteckt; doch leuchtete das schöne Gesicht, bei einer schnellen Wendung, ihm wie bei reiner Nacht ein funkelnder grosser Stern in die Seele.

Sie trug ein grünes Kleid, das lange Haar nachlässig gelockt; edel schritt sie heran, jungfräulich sittsam in blick und Geberde, und die stolzen Formen des Wunderbaus ihres Körpers erschienen in solcher Erhabenheit, wie er noch nie etwas Weibliches gesehen hatte. M a j o war fast aus seinem Ohre verschwunden, und sein Auge ward der einzige, aber tief herrschende, Sinn seines Wesens.

Man liess ihm nicht Zeit, viel fragen anzustellen. Als er die ersten Melodien ihrer stimme vernommen hatte, rief er: "Gott, welch ein Ton!" und bald darauf: "Welcher Vortrag!" und weiter: "Welch ein süsser Ausdruck! Das brennt recht von Feuer und Stärke." Kurz, M a j o und L o c k m a n n verschwanden, und er hörte nur H i l d e g a r d e n allein.

Als sie fertig waren, sagte er geschwind leise dem Fürsten: "Die M a r a könnte sie sein nach der stimme, durch ganz Europa bewundert; aber nicht an Gestalt und Jugend, und geschmeidigem Ausdruck. Wer ist sie? wie heisst sie? damit ich nicht aus Unwissenheit fehle."

Der Fürst sagte: "Sie heisst H i l d e g a r d , und ist eine Deutsche."

Alsdann näherte der Prinz sich ihr mit diesen Worten: "Ich habe grosse berühmte Sänger und Sängerinnen gehört, aber noch keine stimme, die so ganz schöne reine vollkommne Menschenstimme wäre. Nichts von Instrument, weder Flöte, noch Hoboe ist darin; durchaus Nachtigall ihrer Art."

Sie verneigte sich, und äusserte in wenig Worten ihre Freude über den Beifall eines so hohen Kenners; wobei sie vor seinem blick errötete.

Fürst und Fürstin zogen ihn die Zwischenzeit von ihr ab.

Aber was er gehört hatte, war Kleinigkeit gegen die letzte Scene: Eccomi sola a fine, eccomi abbandonata al mio dolore; mit der Arie: Ombre dolenti e pallide, che v'aggirate intorno.

So ein feiner Hofmann er war, so geriet er doch ausser sich über den göttlichen Gesang und die himmlische Musik. H i l d e g a r d brachte zu ihrem eignen Vergnügen gegen das Ende einen ihr ganz eigenen Lauf an, den L o c k m a n n selbst noch nicht gehört hatte, und den weder Flöten noch Geigen nachmachen können; die Töne rollten dabei immer etwas wieder zurück, aber zugleich doch mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit hinauf; und dann herunter schwebte sie in der Mitte des weiten Umfangs ihrer stimme auf Einem Tone, wahrhaftig wie ein Falk mit ausgebreiteten Fittichen in der Luft, so dass man nicht wusste, ob sie ganz in die Tiefe, oder wieder vorwärts wollte; doch gegen Erwarten ging es wieder in die Höhe, und es folgte der Schluss mit einem entzückend netten vollen reinen Triller.

Alle hände, die nur da waren, klatschten vor Freude. Der alte R e i n h o l d kam dabei von seiner Vorliebe für die Kastratenstimmen gänzlich zurück.

Der Prinz sagte zu dem Offizier, seinem Begleiter, unter dem jubel und Lärmen, bei Seite: "Eine stolze Kreatur!" Er fasste gleich den festen Entschluss, das Wunder nach Wien zu bringen; und fragte H i l d e g a r d e n , ob sie sich irgendwo verpflichtet hätte?

H i l d e g a r d blickte dem Fürsten zu, dass die Rolle anfinge ihr beschwerlich zu werden. Sie wollte sich, in gewissen Rücksichten, nicht länger verkennen lassen