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wenn ich mich so ausdrücken darf, sein ganzes Wesen geht, und worin er gewöhnlich spricht. Wenn er diesen rein und voll hat: so geht er einen tiefer, und ebenso zwei und drei und vier tiefer; und dann einen, zwei, und drei in die Höhe, bis er eine Oktave richtig und rund hat, ohne bei irgend einem Tone Hinderniss und Schwierigkeit zu finden, zu straucheln und zu wanken."

"Dann sucht er sie zu verbinden, zu verschmelzen."

"Dann geht er immer weiter in die Tiefe und die Höhe; in die Fistel über; und sucht die ganz vollen Töne mit den Tönen dieser, so unmerklich wie möglich, zu vereinbaren."

"Alles dieses geschieht mit dem blossen Vokal A ohne Konsonanten."

"Ein voller Ton mehr in der Höhe oder Tiefe, und sollte dessen Besitz Monate kosten, ist so wichtig, wie ein Zoll mehr beim Maasse der Menschenlänge."

"Hat man einmal eine hinlängliche Anzahl von Tönen: so fängt man damit allerlei einfache Uebungen an. Fürs erste schwellt man jeden vom Leisen bis zur höchsten Stärke, und lässt ihn so wieder bis zum Leisen sinken; steigt dann die ganze diatonische Leiter hinauf und hinunter; übt nun die Sprünge in Terzen, Quarten, Quinten, Sexten, und so weiter, hinauf und herunter, haarscharf abgemessen, bis zur grössten Richtigkeit und Fertigkeit, Verbindung und Gleichheit. Endlich steigt man die Leiter durch die halben Töne hinauf und herunter, welches das Schwerste ist, aber bis zur Richtigkeit erlernt werden muss."

"Dabei darf keine Ungeduld und Uebereilung statt finden; mehrere Jahre gehören zu dieser himmlischen Reifheit der Kehle. Und dann erst kommen Triller, Verbindung der Töne mit den Sylben, Aussprache, Declamazion, Manieren, Läufe; Seele, Geist und Leben."

"Die Hauptsache ist das Mundstück, der Kehlkopf und dessen Stimmritze, bei einem zarten und reinen Gehör. Wenn die natur diese Mündung nicht überein geschmeidig und festsehnicht gebildet hat, der Ton wankend und falsch daraus hervorkommt: so ist alle Mühe und Uebung vergeblich. Und gutes Ohr und vortreflicher Kehlkopf sind nach der Erfahrung so selten, wie ächtes Genie und hohe Schönheit2."

"Bei blasenden Instrumenten kommt es hauptsächlich auf die Lungen, Zunge und Lippen an; und bei den andern auf Arm und Hand. Gutes Gehör und Herz und Geist muss übrigens allezeit im Menschen sein, sonst wird nie etwas Grosses. Neapel und Venedig haben in Besorgung der musikalischen Erziehung den Vorzug vor allen Städten der Welt. Bei ihnen geht so leicht keine gute stimme verloren. In Neapel sind drei Stiftungen, wo an die vierhundert Zöglinge aufgenommen werden, denen immer die besten Meister vorstehen. Auch sind beide vorzüglich dadurch glücklich."

"Doch vergeben Ew. Durchlaucht, und Sie reizende junge Dame. Die Aufmerksamkeit, deren Sie mich würdigten, hat mich über die gehörige Grenze, und vielleicht bis zum Pedantischen verleitet."

Hierbei waren sie bis zum Eingang des Schlosses gekommen. H i l d e g a r d schöpfte frischen Atem, so voll Lust hatte sie zugehört. Sie sagte mit leiser süsser stimme, wie für sich: "Vortreflich!" und konnte sich nicht entalten, mit unbeschreiblicher Grazie ihm flüchtig die Hand zu berühren; welches wie ein elektrischer Schlag ihm durch sein Wesen drang.

Der Fürst blickte heiter und freundlich auf ihn, und gab zur Antwort: "Es scheint, dass die natur zu gewissen zeiten für die Erspriesslichkeit und den raschen Wachstum der Künste schöpferische Geister hervor und durch mancherlei Umstände zur Reife bringen müsse, die hernach dem Ganzen Stoss und Richtung geben. Wenn man diese nicht hat, entsteht bei dem besten Willen nur ein ekelhaftes Nachäffen. Wahr aber ist es, der Verstand und die Pflegung eines mächtigen A u g u s t und L u d w i g , und Städte wie Neapel, Rom, Venedig, Paris, London, Wien, Berlin sind alsdann dafür gedeihliches Wetter, Sonne, Mond und Sterne."

Die Fürstin und die Mutter, und andre Herren und Damen, teils vom hof, teils aus dem Orte, die da schöne Häuser und Gärten besassen, und sich den Sommer über auch da aufhielten, hatten sich inzwischen eingefunden. Die Gesellschaft ging in den Speisesaal. R e i n h o l d umarmte herzlich seinen jungen Freund, und Beide schieden, jeder nach seiner wohnung.

L o c k m a n n ging auf seinem Zimmer, voll unaussprechlicher Empfindungen, langsam und oft stille stehend, auf und ab; ass ein wenig, trank aber desto mehr von einem alten wohltätigen Hochheimer, und legte sich mit folgendem Stossseufzer zu Bette: "Soll unsre hochgepriesene Vernunft die Staatsverfassungen nie dahin bringen, dass zwischen Menschen, die für einander geboren und erzogen sind, keine so ungeheure Kluft mehr sein muss!"

H i l d e g a r d sprach sehr wenig an der Tafel; doch was sie sagte, war voll Sinn und Verstand, und aller Augen waren auf ihre blühende Schönheit gerichtet. Der Fürst schätzte sich glücklich, einen solchen Meister, wie L o c k m a n n , für seine Musik gefunden zu haben; er erzählte die geschichte mit ihm auf dem Petersberge zu Erfurt, und beschrieb die schönen Knochen des Grafen von Gleichen und seiner zwei Weiber. Neben H i l d e g a r d e n sass Herr v o