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Nichts wieder von der Art!" sagte sie mit dem allerstrengsten Ernste.

Die Oper war

Montezuma von F r a n c e s c o M a j o . Der blick auf die Musik seines Lieblings brachte ihn nach und nach wieder zu sich. "Er ist ein wahrer lebendiger Quell," fing er mit gebrochnen Worten an, "von natürlicher Melodie und Kein andrer Tonkünstler erweckt eine solche Heiterkeit in meiner Seele."

Sie konnte sich nicht entalten, wider Willen über die Gewalt, die er sich antat, zu lächeln. "Grausame!" rief er leise, als er es bemerkte. "Nur zu gelind und gütig!" antwortete sie, noch erzürnt, doch etwas versöhnt. "Nur weiter! weiter, Ungenügsamer!"

"Ich habe eigentliche Liebe zu ihm," fuhr L o c k m a n n fort.

"Die geschichte ist die Gefangennehmung des Montezuma durch Cortes; und die Poesie hat glückliche Stellen für Musik. Das Heroische herrscht durch das Ganze; und in dieser Art sind darin von dem jungen Tonkünstler klassische Sachen, die, so viel ich weiss, ihres gleichen noch nicht haben."

"Wahrer Jammer und Verlust, dass die grössten Neapolitanischen Tonkünstler so frühzeitig starben, P e r g o l e s i , V i n c i , L e o , M a j o !"

"Die erste Arie des Montezuma mit begleitetem Recitativ gibt den prächtigsten Ton an in der zweiten Scene. Dove son? che m'avenne? Die Arie Numi Tiranni, non tanto rigor! calmate gli affanni d'un povero cor20. Alles ist durchaus neu und eigen."

"Guacozinga, Geliebte und bald Vermählte des Montezuma, tritt in der vierten Scene reizend auf: al sembiante sconvolto, turbato oltre il costume; und dann mit der Arie voll neuer Grazie: Ah, che in un mar d'affanni ho già penato assai."

"Die zwei Märsche im ersten Akt und zu Anfang des zweiten sind ganz Pracht und neu in Melodie und Harmonie."

"Das Vortreflichste im ersten Akt, und mit im Ganzen, ist die zwölfte Scene des Montezuma: Pur troppo è ver, ma che far posso! mit der Arie: A morir se mi condanna la tiranna ingrata sorte, ah! si cada almen da forte, senza un ombra di viltà."

"Parli poi con suo stupore de' miei casi il mondo intero, e le stelle abbian rossore, della loro crudeltà21."

L o c k m a n n sang sie nur mit halber stimme; aber H i l d e g a r d ward davon entzückt, und sagte: sie habe im Heroischen an Neuheit, Glanz und Ausdruck, Melodie und Harmonie nichts von so hoher Schönheit gehört; und der junge M a j o überblende alles.

"Im zweiten Akt, fuhr L o c k m a n n weiter fort, haben Cortes und Teutile Vortrefliches; aber das Duett am Ende zwischen Montezuma und der Guacozinga ist das Erfreulichste: es hat die allergefälligste Gewandteit in Melodie und Begleitung. Ah se mi sei fedele, cangia pensier ben mio."

"Im dritten Akt hat Guacozinga die Meisterscene, voll noch grössrer Schönheiten in der Musik, als die Scene des Montezuma im ersten Akt. Sie ist allein während des Gefechts: Eccomi sola alfine, eccomi abbandonata al mio dolore. Schon im Recitativ sind herrliche pittoreske Sachen, als bei Odo il nitrir de' fervidi destrieri – – –22. Die drei einzeln angeschlagnen halben Taktnoten in Oktaven von drei Takten tun schauerliche wirkung; bei der plötzlichen Stille glaubt man alles zu hören."

"Die Arie darauf ist ganz göttlich: Ombre dolenti e pallide, che v'aggirate intorno. Es ist hier manches Neue, womit hernach die Kunst der Musik, selbst bei G l u c k e n , sich bereichert hat, und welches bei den ersten Nachahmern noch für neu durchging; als die ganz bezaubernde Begleitung auf Ombre dolenti, ombre pallide, deh, per pietà, deh, lasciatemi, so gezogen fortlaufend der zweiten Violine zu der entzükkenden Melodie, und der nachgeschlagnen Harmonie der ersten Violine. Hier ist die erste frische Quelle: und wie gleich so vollkommen!"

"Das No, più trovar non sa, aus dem Es moll die kleine Terz in die grosse hinübergezogen, ist hernach, nur grell, nachgeahmt worden; hier glänzt die Empfindung in ihrer ersten natürlichen Unschuld, Wahrheit und Schönheit."

"Es fehlt dieser Oper zwar der Pomp der so oft erzwungnen Französischen Chöre; aber wie jugendlich schön und blühend ist alles!"

H i l d e g a r d rief gleich ihren Bruder dazu. Beide weideten sich recht, und konnten nicht aufhören, das Göttliche zu wiederhohlen. Sie sprachen alsdann mit einander von Melodie überhaupt, von Harmonie und Begleitung.

L o c k m a n n sagte unter andern: "Melodie ist eine Folge von einzelnen Tönen, die in abwechselnden Sätzen und Perioden, damit die Kehle wieder Luft schöpfen kann, eine Empfindung oder leidenschaft darstellt. Die Darstellung macht ein Ganzes aus, wie die Empfindung oder das Gefühl, welches natürlich in verschiedne Teile zerfällt. Je mehr diese zu einander, und für den Ausdruck passen, desto grösser die Schönheit. Bei Liedern sind sie klein, bei hohen Empfindungen in Operscenen gross; wo ein starker