noch von Declamazion etwas wissen, jede nach langer Abwesenheit, bei stiller Luft, an dem entgegen gesetzten Ufer eines gehörig breiten angeschwollnen Flusses, worüber sie nicht können, einander einsam zu gesicht kommen, und sich erstaunlich wichtige Neuigkeiten erzählen; höre nun, in einem Busche verborgen, bei welchen Sylben und Wörtern, bei welchen Perioden der Ton stark wird, sich erhöht und vertieft: und man wird grossen Aufschluss über die Grundsätze der Melodie in der Musik, und des Accents in der Declamation finden; wenn sie nicht zu bald vor Begierde ins wasser fallen."
"Das Wort, worin das Tema des Gesprächs liegt, wird hoch und stark gesprochen werden; die Nebensachen, die sich fast von selbst verstehen, minder hoch und stark, und die leidenschaft sich in mannigfaltigen Beugungen der stimme zeigen. In kurzen Sätzen kann man schon des Nachts bei Schildwachen vernehmen, die in Ernst rufen: W e r d a ? a b g e l ö s t ! wie stark der Accent auf W e r, und der Sylbe a b liegt."
"Der singbare Ton hat seinen Ursprung daher, dass man sich weit und breit verständlich machen könne; die Melodie, dass jedes Wort leicht fasslich sei; wiederhohlte Melodie bei Strophen, dass die Worte immer fasslicher werden. Die Wiederholung derselben Worte bei Arien in Opern und Recitativen mit Begleitung hat eben die Ursache zum grund. T e l e m a n n in Hamburg hat also nichts Abgeschmacktes mit den Worten gesagt: man könne einen Torzettel singen; wenn man ihn für einen in der Ferne ablesen soll."
"Wie die Quinte und Terz auf einer langen Saite von selbst entstehen, wenn die Bewegung derselben sich schwächt: so hat es gleiche Bewandtniss bei der menschlichen stimme. Nur heftige leidenschaft gibt Dissonanzen; bei gefälligen Gegenständen sucht die stimme, oder trift sie von selbst, für das Ohr das Angenehme. Nur geht auf der langen Saite der schwächere Ton in die Höhe, und bei der Menschenstimme in die Tiefe."
"Durch die Instrumente haben die schon sprechenden Menschen den Ton von der Sprache abzusondern gelernt, und eine eigne Kunst aus blossen Tönen gebildet. Wo einmal schon Sprache ist, lassen sich die Töne der stimme allein für sich selten hören. Es kommt hauptsächlich darauf an, was gesagt wird, nicht wie der Ton ist. I c h g e b e d a f ü r t a u s e n d T h a l e r ; gilt dasselbe in allen Tönen. J a , i c h w i l l i h n h e u r a t h e n ; gilt eben so in allen Arten von Tönen. Wenn etwas nur in klarem vernehmlichen Ton gesagt wird, so ist es genug. Dieser und jener sagt es mit einer besonderen Grazie? Schön! aber es ist nicht wesentlich."
"Daraus kann man erklären, wie verschieden Melodie und auch Harmonie zu denselben Worten sein können. Derselbe Meister ist nicht im stand zu demselben Text dieselbe Musik wieder zu machen, wenn er die erste nach acht oder vierzehn Tagen halb oder ganz vergessen hat. Selbst P e r g o l e s i ' s Melodien lassen sich nicht als w a h r demonstriren. Schon bloss neue angenehme Musik geht Ohr und Menschen über angebliche Wahrheit; so wenig Gewisses herrscht da."
"Die Musik macht den Text nur gefälliger, und dadurch tiefer eindringend. Wir bilden uns ein, die Musik tue das Meiste; es sind die Worte und Sachen. Wer fühlt etwas Bestimmtes bei Instrumentalmusik allein, wenn man nicht vorher schon die Bedeutung weiss; als beim Ruf der Trompete in Lagern und Schlachten, bei Tanzstücken?"
"Musik wirkt hauptsächlich durch Rührung und Erschütterung des Nervensystems, damit es die Gegenstände und Leidenschaften, die durch Worte und Action gegeben werden, leichter auffasse; und bestimmt zu den Bewegungen das allerkürzeste Zeitmaass, besser als Sekundenuhren, Flügelmänner und Vortänzer."
"Daraus kann man sehen, wie weit die Musik von der Ursache ihrer Entstehung abgewichen ist. Jetzt muss man die Worte gedruckt herumgeben, damit man wisse, was Sänger und Sängerinnen hervorgurgeln."
"Und die blosse Instrumentalmusik in Konzerten ist nun weiter gar nichts als Zeitvertreib und Spielerei: eine Seiltänzerei von Tönen. Man sagt nicht, was sie bedeuten soll; und wenn man es sagt, so kann selten ein Andrer, als der Komponist, finden, worin es stekke. Auch hört man häufig die Klage, dass man bei einem wohlgespielten Konzert ungefähr dieselbe Empfindung, wie bei allen andern Konzerten habe; und dass man aus Furcht vor langer Weile keins mehr hören mag; zumal wenn Fürsten und Liebhaber viel Geld dafür ausgeben sollen."
Man lächelte über die sonderbare Meinung, ward aber doch von dem wahren, was darin lag, betroffen.
H o h e n t h a l redete zuerst, und sagte: "Ich sehe, dass Sie in der Teorie der Musik das sind, was man im Fechten einen vortreflichen Naturalisten nennt. Halten Sie Sich tapfer!"
L o c k m a n n antwortete: "Die neuere Italiänische Musik hat gar wenig Dissonanzen; auch bei den heftigsten Leidenschaften ist sie geschmeidig, und der wilde Schrei der natur ist sittsam geworden. Alles geht ins Schöne; man höre nur zum Beispiel die ernstaften Komposizionen von P a e s i e l l o . Es fehlt