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sie endlich an, zielte, und schoss einem Spiesser, der in der Angst hoch über die andern wegsetzte, und eben schwebend in der Luft wie fest hing, über den Vorderläuften ins Herz, dass er augenblicklich stürzte.

Es erhob sich ein jubel; die Jagdmusik ertönte, obgleich dazu noch kein Befehl gegeben war. H i l d e g a r d stand lächelnd da; die wahre Diana auf Spartas Höhen bei ihrem ersten Probeschuss. Der Oberjägermeister, ein galanter Mann, kniete vor ihr nieder, und küsste ihr huldigend voll Ehrfurcht die Hand. Klug und fein liess sie sich aber zu keinem andern Schusse bereden, weil sie ihren Ruhm mit nach haus bringen wollte.

Nur an die hundert Hirsche und Tiere wurden den Vormittag erlegt; der Fürst liess des Landmanns wegen das wild nie zahlreich werden.

Nach vollendeter Jagd wurde freie Tafel unter prächtigen Eichengewölben gehalten, und bei herrlicher Musik wacker gezecht. Man sprach viel über die natur des Edelwilds. Herr v o n L u p f e n erzählte Seltenheiten, die er in seinen Revieren beobachtet hatte; W a l l e r s h e i m manches von den Jagden des Königs in Frankreich, auch beschrieb er einige von dessen Parforcejagden, welche der Fürst verabscheute.

Nach der Tafel schlug man die erfreulichsten Spaziergänge ein. Die Aussichten in die grünen Täler, von klaren Bächen erfrischt, und in die weiten Fernen waren den wonnetrunknen Augen romantisch. Man bewunderte die höchsten und schönsten Eichen und Buchen; und auf dem Gipfel des Gebirgs Edeltannen und Fichten.

Erst gegen Abend zog man in verschiednen glücklichen Gruppen wieder nach haus.

L o c k m a n n gesellte sich zum Trupp um H i l d e g a r d e n . Ihm fing das Herz an zu wallen, als man nah an dem Kloster vorbei kam; ein höheres Rot glühte auf seinen Wangen. Nicht Liebe war es, was er fühlte, aber tiefes Mitleiden für die blühende Elsasserin. Ein Sonnenstrahl von H i l d e g a r d e n durchspähete dabei sein Wesen. W a l l e r s h e i m und T ö r r i n g kamen sich einander oft in den Weg.

H o h e n t h a l hatte zum Scherz sich selbst gezeichnet, wie er den Auerhahn schoss; und brachte den andern Morgen den Pendant zum Frühstück: H i l d e g a r d e n mit dem Spiesser, wie er von der Höhe in die Geweihe der andern Hirsche stürzte; wofür sie ihm einen recht zärtlichen Kuss gab.

L o c k m a n n hielt diesen Tag doppelte probe der Scenen aus der Dido von P i c c i n i , wozu sich bei der zweiten, Nachmittags, H i l d e g a r d und ihr Bruder einfanden.

Den folgenden Tag gaben sie im Konzert das allerneuste Pariser Schauspiel zu allgemeiner Freude und Bewunderung.

Die Mutter des Herrn v o n W o l f s e c k und ihre zwei Töchter waren dabei zugegen, die er abgehohlt hatte, und die denselben Tag angekommen waren, um den Sommer über da zu bleiben. Die jüngste, ungefähr achtzehn Jahr alt, hatte schlanken Wuchs und eine angenehme Gesichtsbildung.

Es waren noch mehrere Herren, Damen und fräulein im Konzert, und einige zum erstenmal, die von ihren Rittersitzen in der Gegend sich aufgemacht hatten, um das berühmte fräulein v o n H o h e n t h a l , und die neue Pariser Musik zu hören, über welche man bei der Jagd gesprochen hatte. Bei den Familien B l a n k e n h e i m und S e e b u r g , die mehr in der Nähe wohnten, war desswegen die folgenden Tage Schmaus und Ball.

Nach der schönen Musik von P i c c i n i führte L o c k m a n n zum Scherz einige der besten Sachen aus der Elisa von dem alten F u x , Kapellmeister Kaiser Karls des Sechsten, auf: eben die geschichte der Dido, nur bis zur Grotte auf der Jagd, wo Venus, Amor, Hymen, und Iris sie mit dem Trojanischen Helden zusammenpaaren. Elisa hält dann eine Rede an die Kaiserin zu ihrem Geburtstage, womit sich die Oper endigt.

Alles lachte; und der Fürst selbst gestand, man müsse Pedant sein, wenn man nicht erkennen wolle, dass die teatralische Musik hier fast noch in ihrer Kindheit sei. Das Jagdchor allein gefiel; die Hörner darin taten gute wirkung; es hatte Aehnlichkeit selbst mit dem P i c c i n i s c h e n . Ohne dass L o c k m a n n wusste, woher, war an ihn schon eine Flaschenkiste von dem allerbesten Champagner und Burgunder aus einem Frachtwagen abgeliefert worden. Man hatte ihm dafür weiter nichts als den Schein wegen des Empfangs abgefordert, und nur den nächsten Uebersender gemeldet, welcher auf Befragen wieder einen andern berichtete. Den folgenden Morgen erhielt er wieder eine Kiste. H i l d e g a r d wollte nicht eingestehen, dass sie von ihr kamen, und hatte ihn mit allerlei Geschichten darüber zum Besten.

Als die Feste in der Nachbarschaft vorüber waren, traf er H i l d e g a r d e n Nachmittags wieder auf dem Musiksaal allein, und bei der besten Laune. Sie fing an