zärtlichem Druck zurück zu stossen.
"Guter, holder, lieber Junge!" sagte sie vor sich selbst, als er weg war; "wer könnte der Schönheit und dem immer neuen Leben, womit er auge' und Ohr, Herz und Geist erquickt, widerstehen, und sich von ihm nicht wenigstens zuweilen in die liebkosenden arme fassen lassen, und die Feuerblüte seiner Lippen berühren! Nur die gehörigen Schranken! und Gott im Himmel kann es einem Mädchen nicht übel nehmen; damit ist noch nichts versprochen und nichts verloren."
Er hielt indess ganz andre Monologen, als nach dem Gewitter, und fing an, die grossen Schwierigkeiten mit einem solchen Mädchen, das so viel Gewalt über sich hätte, zu ermessen. "Aber was ist mir die ganze Welt ohne H i l d e g a r d e n ! Glaube, Liebe und hoffnung überwindet alles. Wir sind für einander geschaffen, geboren, und erzogen. Wo wär' ich lieber, als vor der lebendigen Gotteit ihrer schönen Augen; lüsterner, als vor ihrem süssen mund, der so angenehm und sinnreich spricht, dass Stunden zu Augenblicken werden!" Diess und vieles Andre der Art war doch das Lied am Ende.
Zu der bestimmten Zeit kam er, nun wieder ganz Gehorsam, so wie sie wollte; und traf sie am Klavier bei den schönen Scenen der Dido von J o m e l l i . Er ergriff ihre Hand, küsste sie, drückte sie an sein Herz, und wagte nichts weiter. "Nun, lieber L o c k m a n n , wie gefällt Ihnen die Französische Dido?" Mit dieser Frage machte sie ihm Platz, und liess ihn sich setzen.
Er antwortete: "Das Gedicht ist im Ganzen ohne Vergleich besser, als das von M e t a s t a s i o , jedoch nach diesem gemacht. Das mehrste Alberne ist weggeblieben, Selene nicht dumm verliebt, Osmida einfältig treulos, Araspe einfältig tugendhaft; doch behielt der Franzose, wahrscheinlich M a r m o n t e l , den Jarbas bei, welcher unsinnig genug der Dido noch in ihrer eignen Residenz droht."
"Die Musik ist äusserst gefällig; wird aber dadurch beinahe charakterlos, und sehr einförmig. Die schönsten Scenen sind die der Dido, für welche sich Piccinische Musik auch am besten schickt."
"Aeneas und Dido sind beide in der Poesie bis zur hohen Französischen Vollkommenheit getrieben: Dido ein wenig zu weit; denn sie verzeiht dem Grausamen noch auf dem Scheiterhaufen. Ich weiss nicht, so eine Wittwenliebe will mir auf dem lyrischen Teater nicht recht behagen; Armida ist dagegen doch etwas ganz Anderes. Aeneas scheint mir für einen antiken Helden allzuglatt. Bei dem allen ist es ein sehr gutes Französisches Schauspiel."
"Der dritte Akt ist in der Musik bei weitem der beste."
"Die erste Scene mit der Arie Hélas! pour nous il s'expose, ist ein wahres Meisterstück besorgter Liebe; vortreflich der Ton gewählt, und Melodie und Begleitung empfunden. Sie gehört unter das Beste von P i c c i n i ."
"Das lange Gespräch darauf, wo Aeneas auf seinen Abschied beharrt, ist von: Non, c'est un indigne détour! gleichfalls durchaus vortreflich. Schön sind dabei die Arien; besonders: Ah, prends pitié de ma faiblesse! beinah in G l u c k s Styl."
"Das Leidenschaftlichste im Ganzen ist die Stelle der Dido: Va pour ta course vagabonde; der Affekt steigt fast wie bei J o m e l l i . Vortreflich alles declamirt, wahre Suada auch in der Musik. Der Fluch: Puissent renaitre de ma cendre des vengeurs altérés du sang de tes neveux, vom Des in D, und durch die Sextquint in Es; darauf in E, und so in F moll, und dann in C moll, ist wirklich erhaben."
"Der Ruck in Oktaven mit der ganzen veränderten Harmonie in der Melodie durch halbe Töne ist von erstaunlicher wirkung; und so die der umgekehrten kleinen Septime bei Qu'ĭls pōrtĕnt lĕ fēr ĕt lĕs feūx aŭ rĭvāge oŭ tŭ vās dēscēndrĕ! gewaltiger Rhytmus; c'est là le dernier de mes voeux."
"Ich halte diese Stelle für eine der schönsten der gesammten Musik; und kenne von P i c c i n i nichts, das ihr gleich käme."
" M a r m o n t e l hat weit mehr und bessere Gründe zur Abreise, als M e t a s t a s i o . Den besten, besonders für die Musik, hat er jedoch nur angedeutet, und nicht dargestellt; nämlich dass die Trojaner fortwollen nach Italien. Die Erscheinung des Vaters soll den Knoten zerhauen."
"Gewiss gehört diese Oper unter die besten Französischen. Als Werk des Genies betrachtet, steht die von J o m e l l i doch über ihr; und mag P i c c i n i ' n eben bei der erhabnen Stelle zum Muster gedient haben."
" P i c c i n i gleicht in der Musik nicht selten seinem Landsmann L u c a G i o r d a n o , Luca fa presto, in der Mahlerei; bei dieser Stelle hat er sich selbst übertroffen."
"Auch T r a e t t a hat eine Dido geschrieben; aber sie entält wenig Vortrefliches,