s t a s i o das Schöne und Grosse in ihrem Charakter bei dem Römer nicht benutzt hat. Sie ist mit ihrer Liebe zur Teaterprinzessin herabgewürdigt. Die einzige schöne Scene ist die, worin sie sich mit dem Narren Jarbas, in Beisein des Aeneas, um diesen eifersüchtig zu machen, verlobt. Wenn Aeneas sich nicht zu verliebt noch anstellte: so wär' er der beste Charakter; ein Chevalier d'industrie, der sich aus dem Staube macht. Die Selene ist eine gar zu alberne Fratze. Der Anfang des zweiten Akts, wo sie mit dem Araspe schon wie mit einer Kammerjungfer spricht, ist erbärmlich, und wie sie dem Aeneas ihre Liebe erklärt, und auf die letzt der Dido selbst."
"Araspe und Osmida sind nun vollends poetische Tiere, die unter solchen Umständen in der natur gar nicht sein können."
"Doch schon zu viel davon. Schöne Arien finden sich, wie in allen Opern von M e t a s t a s i o , und Pracht des Schauspiels."
H i l d e g a r d biss sich einigemal in die Lippen, um nicht zu lachen; und er sah unverwandt auf die Partitur.
Erster Akt.
S c e n e 5. "Der Marsch des Jarbas ist voll Pracht, und einer der schönsten, die ich kenne." Er spielte ihn voll Feuer.
"Son Regina ist eine herrliche Bravourarie der Dido. Die Begleitung der zweiten Violine soll das Erzürnte, Gereizte im Herzen dabei anzeigen. Die Melodie hat ächten königlichen Charakter." H i l d e g a r d sang sie sotto voce.
"Quando saprai, chi sono, si fiero non sarai, ist ganz vortreflich declamirt; eine ganz eigne Art von Heroischem im Accent. Edler Zorn und Spott; Muster einer Heldenarie. Das Gleichniss im zweiten teil ist freilich eine poetische Floskel. J o m e l l i steigt in dieser Arie weit über den Dichter; und der Charakter des Aeneas gewinnt dadurch erstaunlich. Hier sind
"Son qual fiume des Jarbas ist ein prächtiges pittoreskes Instrumentenspiel, und passt gut für den Barbaren. J o m e l l i ist in dieser Art grosser Meister."
"Das lange Recitativ mit Begleitung, und das Duett beim Schlusse des ersten Akts gehören unter J o m e l l i s Vortreflichstes; besonders sind im Recitative die stärksten Züge von Genie. Di Giove il cenno, l'ombra del genitor, la patria, il ciel, la promessa, l'onor, la fama, alle sponde d'Italia oggi mi chiama11, ist ein wahres Meisterstück musikalischer Fortschreitung und Beredtsamkeit."
"Und ein noch viel grösseres: vil rifiuto dell'onde io l'accolgo dal lido12 –"
"Diese Scene ist wieder gerade der Kern vom Ganzen, auch das Beste in der Poesie, dem V i r g i l nachgeahmt, das Heisse der ersten Trennung und das Heftige. Göttlicher Verstand herrscht durchaus; die Charaktere sind in der Musik vortreflich gehalten. Der Inhalt ist ungefähr derselbe, wie bei der Armida; doch alles anders. Welch ein Reichtum! Dido ist nur nicht so jugendlich feurig, reizend und buhlerisch; doch hat M e t a s t a s i o sie von der Römischen Würde sehr italiänisirt, und J o m e l l i bringt erst die wahre Darstellung hinein."
"Das Duett, welches im M e t a s t a s i o selbst sich nicht befindet, fällt treflich sogleich ein; es ist voll leidenschaft und schöner Melodie, und auch als Kunst betrachtet ein Meisterstück. Non ha raggione, ingrato, un core abbandonato da chi giurogli fè; alles höchst sinnlich declamirt. Zu jener Zeit war Erfindung darin, die hernach gemein geworden ist."
Zweiter Akt.
S c e n e 2. "Die Arie des Araspe, wieder nicht im M e t a s t a s i o befindlich, D'atri nubi è il ciel ravvolto, macht einen grossen feierlichen Anfang, und hat viel Schönes."
S c e n e 4. "Come! ancor non partisti? Eine schöne Scene in der Poesie, in gutem Ton geschrieben. Auch treflich in der Musik; und die Arie voll bittender Zärtlichkeit. Der Sturm hat sich etwas gelegt; gute Gradazionen."
S c e n e 11. "Già vedi Enea, che fra nemici, die feinste weibliche Scene der Dido hat auch J o m e l l i gut dargestellt; er lässt nichts aus, wo er die Schönheiten seines Dichters verstärken kann. Das lange Recitativ wird immer begleitet, und schliesst sich mit einem ganz vortreflichen Terzett; welches das Ganze sehr teatralisch macht. Diese Scene gehört gewiss unter die besten des M e t a s t a s i o . Das Terzett aber ist nicht von ihm; und J o m e l l i , auch Dichter, machte es wahrscheinlich selbst hinzu."
"Aeneas fängt an, da er es nicht länger aushalten amor. Die gelegenheit zu einem Terzett und hohem Kampf verschiedner Leidenschaften ist erwünscht, und recht lyrisch; so etwas ist ganz eigentümlicher Stoff für die Musik. Die komische Oper hat sich zu glücklich solche Scenen allein in ihren Finalen angemaasst. Dido hoft wieder bei dem Schmerz der Eifersucht im Aeneas; und Jarbas wird rasend über den ausgelassnen Spott. J