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muss gehen! Nur darf mir die erste gute gelegenheit nicht entschlüpfen." So sank er nach und nach in süsse Träume hin, und schlief ein.

Nach fleissiger probe wurde die Olympiade mit erhöhtem Beifall aufgeführt. Madam E w a l d , für welche die Rolle der Argene ganz geschrieben war, tat sich sehr hervor. Aber vorzüglich glänzte den Abend L o c k m a n n ; er machte den Megakles mit einer Wahrheit bis zur Täuschung, und verzierte seinen Gesang zuweilen mit so schönen neuen Manieren, besonders im Duett, dass H i l d e g a r d vor Lust zu hören einmal vergass mit zu singen, und die Stelle lächelnd pausirte. Als sie aber wieder kam, wiederhohlte H i l d e g a r d selbst seine Art von Manier noch schöner, und es war ein Schwung, ein Flug zum Entzücken.

Nach dem Konzerte wurde über die zwei berühmten Scenen, wie gewöhnlich, viel gesprochen. Beide machten nun dem Fürsten das Vergnügen, und sangen sie nach P e r g o l e s i ' s Musik; aber auf einmal wie fünfzig Jahr in der Zeit zurückgesetzt: so die einfache Begleitung, so von aller neuern Zier entfernt der Vortrag, und so ihr Spiel dabei.

J o m e l l i blieb überwunden; der Entusiasmus des Fürsten entschied; L o c k m a n n getraute sich nicht, ein Wort für ihn zu reden.

Herr v o n W o l f s e c k wurde auf diesen nun in der Tat eifersüchtig; er glaubte, bei dem Duett ein Verständniss bemerkt zu haben, das nicht bloss musikalisch sei, und schnitt ihm ein paarmal bei den zärtlichsten Stellen, unüberlegt, ganz mechanisch, essigsaure Gesichter. Schon dachte' er auf Mittel, wie der verzweifelt hübsche und verführerische Mann zu entfernen wäre; doch durft' er nicht mit der Tür ins Haus fallen.

L o c k m a n n bemerkte diess wieder sehr genau; und eben so H i l d e g a r d , der er sich von neuem aufdrängte. Da weder Kälte, noch Stillschweigen helfen wollte, so suchte sie sich durch die Frau v o n L u p f e n zu retten, bat diese leise, dass sie ihn ihr abnehmen möchte, und flüchtete sich alsdann zum Fürsten. Der Fürstin wegen, die es doch mit ihr gut gemeint, und sie auf diese Weise an ihrem hof hatte fest halten wollen, hielt sie es nicht für ratsam, ihn mit Worten lächerlich zu machen; doch sollte diess in der Folge nicht ausbleiben.

Den andern Tag traf L o c k m a n n sie zur gewöhnlichen Zeit wieder allein. Er wollte gleich einen Kuss nehmen; aber sie empfing ihn mit mutwilliger Kälte. "Freund, ich darf Sie nicht verwöhnen," sagte sie scherzend; "das Küssen bleibt nur für etwas Ausserordentliches." Und als er liebkosend Gewalt brauchen wollte, hielt auch sie ihn mit Gewalt ab; denn sie war keine von den Schwachen. "Guter, Vortreflicher," sagte sie dann ernstaft weiter; "soll ich wiederhohlen, was ich Ihnen schon gesagt habe? Nein, Sie sind zu verständig."

Darauf sprach sie gleich von ihren Woollets, und

den Landschaften von Claude, auf die er verstört den blick richtete. " C l a u d i u s ," fuhr sie fort, "entzückt immer die Seele mit himmlisch süssen Gefühlen. Welche Heiterkeit haben seine Lüfte, welche Empfindung seine Täler, wasser und Berge, Bäume und Fernen!"

"Woollets Ruinen von Rom nach ihm übertreffen

alles. Wenn man die meisterhafte Dreistigkeit der Zeichnung von A u d r a n , die Eleganz von E d e l i n g , die Kraft von B a l e c h o u ..."

L o c k m a n n sah, dass sie ihn zum besten hatte,

und wollte nichts weiter davon hören. Durch die kleinen Traulichkeiten maasste er sich schon halb und halb ein Recht an, und unterbrach sie kurz damit: "Ich bin so schöner Bemerkungen jetzt nicht würdig."

"Nun, so wollen wir Musik machen, so gut ich

kann!" versetzte sie ihm empfindlich.

Das Hohe dieser Antwort fasste ihn wie eine Adler

kralle. "Herr v o n W o l f s e c k ," wollt' er fortfahren

"Herr v o n W o l f s e c k ?" erwiderte sie; "was

geht mich der Herr v o n W o l f s e c k an, und ein Dutzend W o l f s e c k e? Ich habe Ihnen meine Meinung darüber schon gesagt." Und so musst' er ihr zum Klaviere folgen.

Er hatte wieder eine Oper von J o m e l l i mitge

bracht, die Didone abbandonata, welche dieser Komponist 1763 zu Stuttgard aufführte. Er setzte sich und liess seinen Zorn an dem armen Dichter aus.

"Der Text, fing er an, ist eine von den mittelmässig

sten Opern des M e t a s t a s i o ; die Personen darin sind fast alle wahnwitzig. Dido selbst erregt nur wenig Interesse; besonders wenn man an die im V i r g i l denkt. Es ist unbegreiflich, dass M e t a