sein. 14 Ach, mir bricht das Herz unter so viel Marter. 15 Hört, o Furien, hört! euch rühre meine Pein. 16 Komm, o süsse Ruhe, meine Brust mit Kummer beladen zu erleichtern.
Zweiter teil
Den zweiten Tag darauf ging er wieder zu H i l Dann erblickte er ihre kleine Bibliotek in der Ecke T a s s o , und Komödien von G o l d o n i , die letzteren wegen der lebendigen Sprache; den C o r n e i l l e , R a c i n e , M o l i e r e ; die Fabeln des L a F o n t a i n e ; Verschiednes von F e n e l o n , von V o l t a i r e und R o u s s e a u ; den H a l l e r , H a g e d o r n , K l e i s t ; die Kriegslieder, Halladat und andre Gedichte von G l e i m ; K l o p s t o c k s Oden und Hermanns Schlacht; G ö t h e ' n s Götz von Berlichingen und Werter; R a m l e r s Oden und Kantaten; L e s s i n g s Dramaturgie, Fabeln, Minna von Barnhelm, Emilia Galotti, Natan; W i e l a n d s Agaton, Musarion und andre Gedichte; G e ss n e r s Idyllen, J a c o b i s Werke, B ü r g e r s Lieder, V o s s e n s Odyssee, u.s.w. Neuere Meisterstücke der Deutschen Litteratur für sie waren damals noch nicht erschienen.
Die besten Uebersetzungen des S o p h o k l e s und E u r i p i d e s ; mit unter Kochbücher und Modejournale; gespräche des P l a t o , die Leben des P l u t a r c h im Französischen; Flora Parisiensis, B ü s c h i n g s Geographie, Reisebeschreibungen, Homanns kleinen Atlas, und einige Englische Karten.
Dabei nahm L o c k m a n n eine Sammlung Zeichnungen in die Hand; es waren ihre eignen, lauter treu aufgenommene schöne Gegenden, durch die sie auf ihren Reisen gekommen war, und wo sie sich aufgehalten hatte. Er erkannte darunter nur zwei der schönsten vom Rheinstrom: eine bei Bingen, und die andre bei Kaub. Die letztre vorzüglich war mit Kennerblick im besten Standpunkt aufgefasst, und voll Liebe ausgeführt. Der Strom drängte die breite Fülle seiner wasser im Schlangenpfad allgewaltig durch das Gebirge hin, das vom Frühling geschmückt sich in süssem warmen Abendduft wie eine Braut des himmels in ihrer Reinheit spiegelte, und verlor sich freudig in ferner Waldung.
Sie sagte bescheiden: "Es sind nur Erinnerungen für mich; ich habe diese Kunst nie mit dem erforderlichen Fleisse getrieben. Die Zeichnungen von meinem Bruder, besonders was militärische Architektur betrift, werden Ihnen ohne Vergleich besser gefallen."
Die musikalische Bibliotek mit einigen teoretischen Werken befand sich zum gemeinschaftlichen Gebrauch auf dem Musiksaal.
L o c k m a n n wagte noch nicht, mehr zu sagen, als: "Ich muss Sie immer höher schätzen und bewundern!" aber seine Blicke konnten nicht verbergen, was er fühlte. Sie gingen einige Minuten auf und ab. Er schlang seinen Arm endlich um den ihrigen, drückte ihre Hand an sein Herz; und da sie es gütig und hold geschehen liess: so war es ihm nicht möglich, sich länger zu bändigen; in einem Schwung war Brust an Brust und Mund an Mund, sie mit Gewalt ergriffen und aufgehoben.
"Nicht das, nicht das!" sagte sie, und zog sich aus seinen Banden; "das ist nicht freundschaftlich." Ihr blick war ernst und unwillig. Was geschehen war, mässigte sein Feuer, und er entschuldigte sich mit einem starken Seufzer: "O, wären Sie minder schön, weniger im allerstrengsten verstand liebenswürdig! so aber müsst' ich Stock und Stein sein, um beständig so vielen Reizen zu widerstehen."
"Trauter," antwortete sie ihm lächelnd, "die Leidenschaften bilden sich viel ein, was nicht ist. Nur Verstand und Beschäftigung, bis wir mit der gehörigen Art unsers Umgangs in Gewohnheit kommen; und dann sind wir so glücklich, als ich wünsche."
So leitete sie ihn bis zum Klaviere, auf das er eine neue Oper hingelegt hatte. Sie nahm sie in die Hand, las:
Sofonisba di Verazi, Musica di Tomaso Traetta;
1762.
und freute sich, weil sie von K r a m e r n viel davon hatte sprechen hören, und dabei auch von D o r o t h e a W e n d e l i n g , der Deutschen Melpomene der goldnen Zeit zu Mannheim.
Diess brachte ihn einigermaassen wieder zu sich. Sie setzten sich zusammen, und er fing an, darüber zu reden.
"Sophonisbe ragt fast zu sehr über alle die andern Personen in der Musik hervor; eine junge Königin voll Gefühl, doch noch mehr Adel der Seele."
"Sie ist weit mehr ein geschöpf des Tonkünstlers, als des Dichters. Bei den Hauptsituazionen, den einzig bedeutenden, ist des erstern Ausdruck entschieden vortreflich, ganz natur, so rein, dass nicht zu