i den Helden Giulio Sabino bei Weib und Kindern in der Sopranstimme so täuschend machte, dass alles, wie in der Stille der Mitternacht, helle Tränen vergoss."
"Die Diskantstimme bleibt immer die passendste für Melodie; die stimme der Melodie soll vor allen andern herrschen, und die hohen Töne herrschen über die niedrigen. Man vergisst desswegen gar bald das Unnatürliche."
"Inzwischen war es doch ein äusserst glücklicher Gedanke, dass G l u c k in seinem berühmten Chor der unterirdischen Götter einmal den Grundton der Harmonie durchschneidend herrschen, und die Melodie diesen in allerlei Sträubungen und Beugungen begleiten liess. Ein ächter Zug des Genies. Nichts konnte die eiserne unerbittliche Gewalt dieser Dämonen besser ausdrücken."
R e i n h o l d fügte hinzu: "Was R o u s s e a u in seinem moralischen Eifer gegen die Kastraten einwendet, ist höchst übertrieben. Ihre stimme dauert freilich nicht so lange, wie Tenorstimmen, wegen der Stärke der Töne durch die kleine Oefnung der Kehle; aber immer lange genug, um auf allen Teatern von Europa zu entzücken. Dass sie unförmliche Bäuche bekommen, geschieht nicht immer, und auch andern Männern. Dass sie den Buchstaben R nicht aussprechen können, ist ganz falsch; eben so, dass sie ohne Feuer und leidenschaft sängen. Dass Männer, die auch noch so mannbar sind, keine Kinder hinterlassen, ist bei unsern Regierungsverfassungen und zu starken Bevölkerungen etwas Gewöhnliches."
L o c k m a n n erwiderte: "Ihr Hauptfehler bei lyrischen teatralischen Vorstellungen ist wohl der Mangel des Kontrastes zwischen Mann und Weib, und auch der Stufen des Alters; und dass die Vocalmusik überhaupt dadurch ärmlich wird: besonders auf den Römischen Teatern, wo lauter Mannspersonen spielen. Und diejenigen, deren Stimmen nicht geraten, welches nicht selten der Fall ist, sind gewiss recht elende Geschöpfe."
R e i n h o l d zuckte die Achseln, lächelte und antwortete: "Die Vollkommenheit ist überall eine seltne Erscheinung. Und ist sie hier da, so denkt gewiss jeder für das allgemeine Vergnügen Empfindliche, wenn er es auch nicht, wie jener lebhafte Italiäner, öffentlich ausruft: Benedetto il coltello, u.s.w."
Die Sonne war eben voll Pracht untergegangen, und der westliche Himmel schwebte mit Strahlenstreifen glühend in Brand und Segen, als eine andre schönere für Männeraugen und Herzen aufging. H i l d e g a r d v o n H o h e n t h a l trat aus einem Park von Buchen und Eichen mit dem Fürsten hervor, leicht in Schritt und gang, und stolzem Wuchs, voll Geschmack gekleidet, wie eine junge Königin der Amazonen. Ihnen folgte H i l d e g a r d s M u t t e r mit dem jungen Herrn von H o h e n t h a l , und die F ü r stin.
Das Blut schoss L o c k m a n n e n ins Gesicht, und sein Herz wallte, wie sie den blick ihrer schönen blauen Augen auf ihn lenkte.
Der Fürst ging mit ihr gerade auf ihn und R e i n h o l d e n zu, und sagte lächelnd: "Ich mache Sie hier mit meinem jungen Kapellmeister bekannt, der die Sirenen von Neapel bezwungen, und so eben in unsre Gegend gebracht hat. Wenn sie nur kein Unheil da anfangen!"
L o c k m a n n antwortete: "Unter der Regierung eines so weisen Ulysses, neben welchem Pallas steht, würde diess nicht zu besorgen sein. Mein Bestreben war nur, einige von den guten Musen des L e o , P e r g o l e s i , T r a e t t a , M a j o , J o m e l l i zu Begleiterinnen zu haben, und sie mit den Musen unsrer H ä n d e l , B a c h e , G r a u n und G l u c k in Gesellschaft zu bringen."
H i l d e g a r d fasste ihn so ganz mit ihrem seelenvollen blick, und sagte: "Schon nach diesen wenigen Worten werden Sie mir ein treflicher Ersatz für London sein."
Inzwischen gingen sie auf den Wink des Fürsten zusammen weiter. Rosen und Schassminen düfteten frischer und stärker umher, und die Nachtigallen taten lebhaftere Liebesschläge; ein sanfter Wind wiegte sich auf den zarten Zweigen, und flisterte durch die Blätter, und der lichte Himmel spiegelte sich in den Brunnenbecken zwischen den braunen Schatten. Die Morgenscene lebte gewaltig in L o c k m a n n s Einbildungskraft, und das Gewand der göttlichen Schönheit war ihm kaum ein dünner Schleier.
Er selbst war einer der wohlgebildetsten jungen Männer; und wenn von den zehn Kreisen in Deutschland jeder den auserwähltesten zu einem Wettstreit der Schönheit auf eine Künstlerakademie unter dem Vorsitz eines M e n g s abgesendet hätte: so würde' er vielleicht den Preis davon getragen haben. F ü g e r machte aus Lust für sich sein Porträt zu Neapel in Miniatur, ein Meisterstück; und B a t t o n i mahlte ihn zu Rom in Lebensgrösse, unbezahlt, zu einem Kunstwerk, jedermann lieblich anzuschauen mit dem edlen Geniuskopf in seinen schwarzen natürlich herum und herabfallenden Locken, den grauen Mantel über die Schulter geworfen, im Schritt vom Winde verweht, zwischen Gesträuch auf neue Melodien und Harmonien sinnend