lediglich mit ihrer Kunst beschäftigt. Selbst S c h w e i g e r n verging sein Verdacht bei der leichten Genesung. Inzwischen entstand nun erst durch den Widerstand eigentliche leidenschaft bei dem Herrn v o n W o l f s e c k ; die Fürstin hatte ihm nach Hofsitte nicht alle hoffnung benommen, und ihn nur zurückgescheucht.
Diese war als Vorsteherin der weiblichen Geschäfte bei dem missglückten Brautwerben empfindlich gereizt worden, und brachte bei dem kalten Lobe des angenehmen gesellschaftlichen Talents der H i l d e g a r d unvermerkt die Rede auf die Erziehung überhaupt, und zog den Hofmeister F e y e r a b e n d , der zugegen war, in Beisein des Fürsten und der Mutter, mit in das Gespräch, um an ihm dieser ihre Unzufriedenheit zu zeigen; sie hielt die ganze Krankheit der H i l d e g a r d für blosse Verstellung.
"Man klügelt jetzt so viel an der Erziehungskunst, dass die Eltern den Kindern bald werden gehorchen müssen; ich lobe mir die alte!" Diess war nach einigen vorläufigen Bemerkungen der ziemlich bittre Ausfall.
F e y e r a b e n d antwortete: "Wenn ihr Durchlaucht darunter vortreflich eingerichtete öffentliche schulen verstehen, so war der selige Herr v o n H o h e n t h a l ganz derselben Meinung: auch hat sein Sohn den öffentlichen Unterricht zu London genossen, und ich war mehr sein Gehülfe und Begleiter, als dass ich dessen Erziehung besonders und allein auf mich genommen hätte."
"Das Wichtigste für den Menschen überhaupt ist Menschenkenntniss; denn der Mensch selbst bleibt doch der Hauptquell der Glückseligkeit für Menschen. Kinder können sie platterdings nicht besser erlangen, als bei andern Kindern, die gleiche Neigungen und Bedürfnisse haben; die ältern Menschen können sie noch nicht fassen. Und so muss es immer stufenweise fortgehen, bis zu öffentlichen Aemtern, bei Frauenzimmern und Mannspersonen bis zur Vermählung. Wer den besten Mann, die beste Frau aussuchen will, muss erst viele andre kennen; sonst kann er sich leicht etwas weis machen lassen, und ist dann elend auf sein ganzes Leben."
Die Mutter, ob sie gleich über die letzten Worte erschrak, hätte ihn doch küssen mögen für die Gegenpille, die er ihr Durchlaucht so derb und rund in aller Unschuld beibrachte, dass sie vor widrigem Geschmack nicht wusste, wie sie die Lippen bewegen sollte. Da sie jedoch nichts sagte, so fuhr er ferner fort, um sich bei dieser gelegenheit vielleicht zu empfehlen.
"Die öffentlichen schulen bei uns haben nur den Fehler, (wenn auch ausgesucht vortrefliche Männer darin Unterricht erteilen, welches bei manchen nicht immer der Fall sein soll,) dass die Wissenschaften da zu sehr zerstückelt werden; früh Morgens um acht Uhr dieses, um neun Uhr jenes, um zehn Uhr wieder ganz etwas anders, u.s.w. Auf diese Weise kann nichts vollständig in einem Zug in die Seele kommen; kein vortreflicher Mann in irgend einem Fache ist es so geworden."
"Dieser Fehler findet jedoch auch bei der gewöhnlichen Privaterziehung Statt. Die Meister geben ihre Lehren stundenweise; und lassen sich so dafür bezahlen. Der Sprachmeister geht diese Stunde dahin, die andre dortin."
"Ein Fehler unsrer Erziehung überhaupt ist, dass die Kinder mehr Worte als Sachen lernen. Wer Mann und Weib noch nicht kennt, wie soll der geschichte verstehen und Nutzen daraus ziehen? Wer noch nicht Meer, Gebirg und Tal, Lauf von irgend einem grossen Strom, Ursprung der Quellen, vielleicht noch keinen Zimmermann und Maurer arbeiten sah, wie will der Geographie, Reisebeschreibungen verstehen? Wer weder Menschen noch Tiere und Pflanzen einigermaassen kennt, wie will der vortreflich reden und schreiben lernen in irgend einer Sprache, wenn die Quelle der Beredtsamkeit und des guten Styls erfahrner Sinn und geübter Verstand ist?"
"Man soll Kinder lernen lassen, was sie lernen können. Das Wichtigste ist, Leibesübungen treiben, die sich für sie schicken; als tanzen, schwimmen, laufen, marschiren, exerziren, hungern, dursten, Hitze und Frost ausstehen, wachen; überhaupt den Körper lenken und bilden, und mit der Seele Gewalt darüber bekommen. Diess war des seligen Herrn v o n H o h e n t h a l Grundsatz. Und selbst unser fräulein schwimmt trotz einem in Europa; und hat ihren schönen Körper dadurch abgehärtet."
"Dann die natur um sie herum kennen; und rechnen, Geometrie und zeichnen dabei. Die Elemente, so viel sie, und vielleicht wir alle, davon verstehen können; unser Sonnensystem, matematische Geographie, unser Dutzend Fixsterne der ersten Grösse; und dann erst die Geographie im Grossen, und Wind und Wetter, Frühling, Sommer, Herbst und Winter, Tiere, Pflanzen und Steine zur Notdurft."
"Und dann die andern Künste und Wissenschaften und Sprachen nach ihrer Bestimmung von natur oder Stand."
"Ferner ist noch ein Hauptfehler, dass man die Kinder mit Stunden überhäuft. Man lässt ihnen keine Zeit, sich selbst zum Urteilen zu gewöhnen; und erstickt durch den zu frühzeitigen Wörterkram allen Trieb und Reiz."
"Was Religion und Teologie betrift, die leider in unsern schulen die mehrste Zeit wegnimmt: so darf man mit Kindern darüber gar nicht räsonniren, sondern sie müssen ihren Morgen- und Abendsegen beten und in die Kirche gehen nach Landesgebrauch. Metaphysik, und das Schwerste derselben, ist wahrlich nicht für sie