oder, was noch ärger ist, ein Kastrat von sechzig bis siebenzig Jahren.
Darauf sangen sie doch zusammen einige neuere höchst schöne Duetten und Terzetten und Kanons.
Und nun erzählten sie lustige Anekdoten; einige damals ganz neu. Zum Beispiel nur eine von der Frau v o n L u p f e n , die bei der Begebenheit zugegen war.
"In einer benachbarten Residenz ward die letzte Charwoche in der Schlosskirche das Miserere von S a r t i aufgeführt. Unten standen eine Menge Offiziere in Parade. Oben über diesen hatte der alte Staatsminister B** seinen Stand, welcher, schon an und für sich eine komische Figur, immer bei dem Gottesdienst in einem Pohlnischen Gebetbuche ziemlich laut zu lesen pflegte. Den vorigen Tag war in die Loge mit Fenstern ein schlafender Pudel eingesperrt worden. Als B** die Tür aufschloss, hineintrat, und sie wieder zumachte, bemerkte er mit seinem kurzen Gesicht diesen nicht; öfnete das Fenster und fing, als man mit der Musik in der Mitte war, und die feierlichste Stille herrschte, an zu lesen. Kaum hörte der Pudel die Zauberformeln der ungewohnten Sprache: so tat er vor Angst einen Satz zum Fenster hinaus, und sprang, schwarz wie der exorzisirte Satanas, den Offizieren auf die gepuderten Köpft. Dem Minister fiel vor Schrecken die Brille von der Nase, der Hof erstaunte, die Helden fluchten, und die ganze fromme Versammlung brach aus in ein allgemeines Gelächter."
"Zum Glück hatte der Pudel nur das Steife einiger Locken zertreten, sich selbst keinen Schaden getan, und lief schreiend davon."
Gegen Abend kam der Arzt, fand H i l d e g a r d e n lebhaft und aufgeräumt, aber den Puls noch immer unregelmässig, und das Fieber etwas stärker. Er verordnete, mit ein wenig Veränderung, dieselben Mittel; und sagte: so bald sie darauf Schlaf spüre, möchte sie sich zu Bette legen. Eine ruhige Nacht, mit der Heiterkeit in der Seele, und der junge Stamm von Gesundheit werde das Uebel gewaltig verdrängen.
L o c k m a n n zauderte um das Haus herum, bis er, wie von ungefähr auf der Strasse, von einem Bedienten erfuhr, dass es besser stände.
Den folgenden Morgen befand sie sich so gut, wie vollkommen wieder hergestellt; brauchte keine Arzenei mehr, und nahm ihre gewöhnlichen Beschäftigungen wieder vor.
Gegen Abend machte die Mutter der Fürstin einen Besuch, und erzählte, was geschehen war. Es blieb nichts anders zu tun übrig, als dem Herrn v o n W o l f s e c k das Körbchen auf die feinste Weise beizubringen, und den Verliebten von fernern Bemühungen und Zudringlichkeiten abzuhalten. "Die Fürstin habe nur ihre Gesinnungen sanft ausgeforscht; sie fühle sich noch zu jung, das Joch der Ehe bis jetzt überhaupt nicht für ihren freien Nacken."
Der Mutter von der Fürstin weg begegnete L o c k m a n n , als er zum Konzert ging, und vernahm zu seinem grössten Vergnügen, dass H i l d e g a r d sich wieder vollkommen wohl befinde. Er hatte' es noch nicht gewagt, ihr unter die Augen zu kommen. Während der Zeit war er aber oft die Beschäftigung ihrer Gedanken.
Den andern Tag um Abendzeit ging er wieder zu ihr, mit dem Vorsatze, das reine, himmlische, genialische Wesen, so selten unter ihrem Geschlecht, zu schonen; und traf sie allein auf dem Musiksaal, an welchen ihre Zimmer stiessen. Er errötete, näherte sich schüchtern, küsste ihr bescheiden die Hand. Auch sie errötete, überliess sie seinem zärtlichen Druck und sagte: "Ohne den geschickten Herrn S c h w e i g e r und meine gute Mutter hätt' ich vielleicht gefährlich krank werden können. Gottlob, dass es vorbei ist!"
Er freute sich darüber unaussprechlich; scheute sich aber, nach der Ursache der Krankheit zu forschen.
"Lieber Freund, fuhr sie fort, doch diess unter uns allein! denn die Welt versteht es nicht, und braucht es nicht zu wissen. Was bringen Sie hier mit sich?"
Die Mutter hatte ihn über die Strasse kommen sehen, und die Kammerjungfer unten ihm sagen hören: "Mein fräulein ist auf dem Musiksaal. Gehen Sie nur hinauf, Herr Kapellmeister; die Verkältung ist ganz vorbei, und sie so gesund und munter, wie vorher."
Der natürliche Gedanke war ihr so gut wie S c h w e i g e r n aufgestiegen, dass der schöne junge Mann, von Charakter, Kunst und Wissenschaft so ganz für sie, wahrscheinlich mehr Eindruck auf ihr Herz gemacht, als noch je ein andrer, besonders da sie in London mehr Zerstreuung gehabt hätte, und nach dem Tod ihres Vaters nun auch ein Jahr älter geworden wäre. Was sie bei ihrer H i l d e g a r d noch nie tat, tat sie jetzt; sie schlich ihm nach, und wollte wenigstens die erste Zusammenkunft nach der Krankheit belauschen.
Für die letzteren Worte H i l d e g a r d s aber war sie zu spät gekommen; sie hörte nur an der angelehnten Tür, was L o c k m a n n antwortete.
"Vorgestern Morgens war ich hier, Sie mit Ihrem Herrn Bruder zur probe des zweiten Akts der Armida zu bitten. Diese heben wir also für das nächste Konzert auf, wenn Sie Lust finden. Für heute hab'