sie sich etwas mehr angegriffen habe. Eine Hauptperson fischte er doch gut heraus, den jungen schönen Kapellmeister; hinter die andern Gänge und Wege und Vorfälle konnte' er aber nicht kommen.
Er befühlte darnach den Puls, fand das Fieber etwas vermindert; beobachtete das Atemhohlen, und ihre Gesichtszüge. Einige Minuten mit ihr allein, sprach er ihr zu, als ein Mann von Charakter, der Zutrauen verdient: sie möchte alle Gedanken zu entfernen, und alle Gemütsbewegungen zu stillen suchen, die sie vielleicht beunruhigten, durch andre, die ihr gewöhnlich Vergnügen machten, und ihre blühende Jugend und Schönheit nicht verderben. Es tat ihr wohl, dass er ihr diess allein sagte; sie antwortete ihm freundlich und gefällig: sie hoffe, unter Besorgung eines so würdigen Mannes bald wieder hergestellt zu sein.
Er bat sie, nun aufzustehen; verordnete, was sie essen und trinken sollte. Nach Tische könne sie leichte Musik machen, sich aus ihrem liebsten buch etwas vorlesen lassen, mit ihren angenehmsten Freunden scherzen; und so möchte sie sich des Schlafs bis zur gewöhnlichen Zeit erwehren. Gegen Abend werde' er wieder aufwarten, und mit Vergnügen vernehmen, dass sie sich viel besser befinde. Bei allem, was die Gesundheit des Menschen angreife, hebe man gleich anfangs das Uebel am leichtesten mit Verstand und Klugheit.
Sie versprach mit Hand und Mund, ihm in allem zu folgen.
Es kamen öftere Boten von dem Fürsten und der Fürstin, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.
Sie stand auf, ging auf ihrem Zimmer herum, ass dann ein wenig; und ihre Mutter blieb endlich bei ihr allein, und sagte: "Ich erstaune, wenn das, wovon wir gestern mit einander gesprochen haben, zum teil Schuld an Deiner Krankheit sein sollte. Wer wird Dich zwingen wollen! Man spricht nur fürs erste darüber, und gibt hin und wieder seine Gründe an."
Hildegard antwortete: "Herr von W o l f s e c k hat seine Sachen gleich mit Form und Ceremonie angefangen. Hätt' er sich vorher beworben, meine Gesinnungen in Rücksicht seiner auszuforschen, so würde' er leicht erfahren haben, dass er wenigstens nicht für mich ist. Aber die Fürstin voran zu schicken! Die schlechtesten Ehen unter allen sind gewöhnlich die Hofehen. Doch, liebe Mutter, lassen Sie uns jetzt nicht mehr davon reden; es greift meinen Kopf an."
"Liebe Tochter, das wollen wir auch nicht; nur versichre ich Dir, dass Du hierüber meinetwegen ohne sorge sein kannst. Sei wieder heiter und gutes Mutes."
Hand und Mund küsste H i l d e g a r d ihr für diese erfreulichen Worte; denn sie entielten alles, was sie verlangte. "O gute zärtliche Mutter, wie ich Sie liebe!"
Die Frau v o n L u p f e n trat darüber herein: "Du krank? Du Göttin der Gesundheit, H i l d e g a r d ? und so plötzlich? Es ist nicht möglich!"
"Wer sollte nicht krank werden! Der fatale lange W o l f s e c k will mich heuraten, und hat die Fürstin desswegen an meine Mutter abgeschickt; weil weder er noch sie den Mut hatten, mir den Antrag ins Gesicht zu machen. Ihr Sinn war klüger als ihr Verstand, und versagte, wie ich oft bemerkte, beiden hierüber die Rede. Doch Verschwiegenheit! wir kennen uns. Auch Deinem mann davon keine Sylbe."
Der Bruder kam über den Musiksaal herbei, und spielte auf der Geige ein Solo für eine Bacchantin aus einem neuen Ballet, die nettesten Läufe, Staccato, mit so gewaltigem Bogen, wie C r a m e r selbst; wiederhohlt' es, immer reizender verändert, und sagte: "Singen sollst Du heute nicht, zartes Kind, aber vielleicht Deine Verkältung wieder aus dem leib tanzen."
Von dem gestrigen kalten Bade hatte die Kluge noch nicht ein Wort gesprochen. Niemand kannte die Krankheit besser, als sie; am wenigsten L o c k m a n n , der sich zu haus die wunderlichsten Vorstellungen davon machte.
"Was das für ein reizbares geschöpf ist! von einer Umarmung so krank zu werden, dass das ganze Haus in Allarm kommt, man den Doctor hohlt, und alles trauert. Es ist eben ein genialisches Wesen, bei welchem von einem einzigen Gefühl, einem Gedanken alles andre, Tage lang, verschlungen wird, und zuweilen Blut und Lebensgeister in die heftigste Wallung geraten. Etwas schwärmerisch, aber edel und liebenswürdig, gewiss, o gewiss! im höchsten Grade."
Man ging in den Musiksaal; und ihr Bruder und die Frau v o n L u p f e n suchten sie mit kurzweiligen Dingen aufzuheitern und zu zerstreuen. Erst spielten sie muntre Tänze voll Rhytmus von glänzenden Bällen zu London, wo auch sie von der Partie gewesen, und vor andern war bewundert worden.
Dann sangen sie Italiänische verliebte Kantaten, wechselsweise, sie den Sopran, er den Alt, mit Petrarchischen kläglichen Texten, welche beider ausgeartete Stimmen zu Scenen einer Opera buffa machten. Es waren zwar die berühmten von P o r p o r a , einem der grössten Stifter der Schule von Neapel; aber nun so altväterisch in Melodie und Begleitung, dass H i l d e g a r d sich nicht erwehren konnte zu denken, es sänge sie ein Greis von siebenzig Jahren einem jungen Mädchen;