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Dein Bestes darin gefunden, und tue den Antrag jetzt Dir; Dein seliger Vater selbst würde ihn billigen."

"O nein, teure Mutter, das würde' er nicht!" versetzte H i l d e g a r d , indem sie die Rechte ihrer Mutter fasste, tief bewegt küsste, und an ihr Herz drückte.

"Ich erkenne das alles, was Sie am Herrn von W o l f s e c k rühmen; aber er ist der Mann nicht, mich glücklich zu machen. Unsre Neigungen sind ganz verschieden. Und dann fühl' ich noch nicht den mindesten Trieb und Beruf in mir zu heuraten.

Lassen Sie mich, liebe teure, verehrte Mutter, noch einige Zeit froh und vergnügt, wie ich bin. Bei allen andern Dingen, nur in diesem wichtigsten aller Punkte nicht, kann ich Ihnen leicht gehorchen."

"Prüfe Dein Herz," antwortete sie, mütterlich gerührt und erschrocken, "ob es nicht blosse vorgefasste Meinung bei Deinem gewöhnlichen Zeitvertreibe sei, dem Du auch gewiss nichts desto weniger ungestört wirst nachhängen können; und sieh Dich mit Deinem guten Verstand um. Bei unserm stand sind solche Gelegenheiten selten. Herr von W o l f s e c k hat das nicht, was beim ersten Anblick und Umgang jungen Frauenzimmern gefällt; jedoch gründliche Kenntnisse in seinem Fache, um als ein Mann von Ehre zu bestehen. Und die andern Vorteile überwiegen solche Kleinigkeiten weit."

"O liebe Mutter, liebe Mutter", sagte sie, warf sich vor ihr nieder, und umfasste ihre Knie, "dringen Sie damit nicht in mich; es ist mir unmöglich. In Ketten und Banden könnt' ich meine Einwilligung dazu nicht geben."

Frau v o n H o h e n t h a l hob sie auf, und schloss sie erweicht an ihren Busen. "Wie kannst Du solche Worte brauchen gegen Deine gute Mutter, deren Augapfel Du bist!"

H i l d e g a r d bat um Vergebung, dass sie nicht länger bleiben könne, und begab sich auf ihr Zimmer.

Sie schlief die ganze Nacht nicht. Den andern Morgen liess sie zum Frühstück sagen: sie befinde sich nicht wohl, und könne nicht hinunter.

Mutter und Bruder waren gleich bei ihr. Sie lag noch im Bette; die Wangen glühten, und ihr Puls ging voll und heftig. Man schickte schleunig zum arzt; die Mutter rang die hände.

Er kam geschwind; es war der Leibarzt des Fürsten, ein bejahrter Mann, mit Namen S c h w e i g e r . Nach Erkundigung, dass sie noch nie krank, und immer gesund und stark gewesen wäre: schrieb er die Krankheit einer Verkältung zu; und dachte bei sich, indem er scharf in die Sonne ihrer Augen blickte, und Verlegenheit bemerkte, vielleicht heftiger Gemütsbewegung.

Und so war es auch. Nach den verschiednen Anstrengungen des gestrigen Tages war ihr das Quellenbad höchst schädlich. Er verschrieb die gehörigen Mittel, empfahl Ruhe; und versprach baldige Wiederherstellung.

Unterdessen kam L o c k m a n n , um sie und ihren Bruder zu bitten, bei der probe des Konzerts zu sein, wo sie die Scenen der Armida nur mit halber stimme singen möchte.

Wie erschrak er, als der Bediente ihm sagte: das fräulein sei die Nacht plötzlich krank geworden, und der Arzt bei ihr. Er besann sich, was für ihn zu tun wäre; und ging zu F e y e r a b e n d e n . Bei diesem traf er H i l d e g a r d s Kammerjungfer, welcher er nur einigemal begegnet war, die er aber noch nicht gesprochen hatte; ein Londoner Mädchen, wohl gebildet und wohl gewachsen, fast eben so jung als H i l d e g a r d , mit einem Auge voll Geist, und Leben in jeder Bewegung. Sie hiess F a n n y , sprach schon fertig Deutsch, und sagte: es sei weiter nichts, als eine starke Verkältung. H o h e n t h a l kam dazu, und versicherte dasselbe. Etwas getröstet ging L o c k m a n n fort, und begegnete auf der Treppe der Mutter, welche das nämliche wiederhohlte; aber mit einer Träne im Auge bekümmert aussah.

Er probirte mit seinen Leuten aus der Armida, so viel ohne die Hauptperson zu probiren war; und dann inzwischen Symphonien von P u g n a n i , von H a y d n , und leichte Scenen von neuern Meistern für seine Sängerinnen und Sänger zu einem gewöhnlichen Konzerte; hatte aber bei der ganzen probe gar nicht die gewöhnliche Gegenwart des Geistes.

H i l d e g a r d , welche fühlte, dass es nötig war, nahm ohne Ueberredung von den verordneten Arzeneimitteln ein, und fiel, unter immerwährender überlegung der Verbindung, die mit aller Gewalt sie bestürmen, und in jeder Rücksicht ihr Verdruss verursachen würde, in einen unruhigen Schlaf, welcher der Absicht gemäss mehrere Stunden dauerte.

Der Arzt, ein Mann, wie sie sein sollen, ein philosophischer Kopf aus der Schule des H i p p o k r a t e s , blieb im haus, und suchte während der Zeit alles zu erforschen; welches ihm aber nicht gelang. Er erfuhr nur von ihrem Bruder, dass sie gestern Morgen, wie so oft, Musik gemacht, wobei