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n n ! Würdiger, Vortreflicher! nichts Laffenmässiges!"

Ihre Augen blitzten Gewitterzorn, und der Donner des furchtbarsten Einschlagens rollte vor seinen Ohren. Er musste sie loslassen; doch hatte' er ihr einige Küsse auf Mund und Wangen gedrückt.

Sie blieb. Kaum war das Gewand, noch immer offen, nur wieder über die Schultern gezogen: so fasste sie seine Rechte mit ihrer Rechten, hielt sie warm und herzlich, und sprach, indess er Entschuldigungen und Ueberfülle von Liebe stammelte, mit feierlichem Ernst die Worte: "Freundschaft, wahre ächte Freundschaft bei jedem Wechsel des Glücks, diese sollen Sie von mir haben; und Traulichkeit, wenn Sie Sich ihrer wert machen, wie ich hoffe und wünsche; aber nichts weiter. Befürchten Sie jedoch nicht, dass ich einem Andern so bald zu teil werde. Die hundische Liebe, wenn ich das edle Wort missbrauchen darf, hat wie eine Pest die ganze neuere Welt angesteckt, hemmt die schönsten Taten, und erdrückt den Adlerflug himmlischer Geister. Wohl mir, wenn ich den Deinigen, wahrhaftig schöner junger Mann, davon retten kann! Zage nicht; der Lohn für diese Anstrengung wird allen, bald schalen, wie selbst die N i n o n s und die neuern Gedichte und Romane zeigen, welche ich kenne, gewöhnlichen Genuss übertreffen. Eine immer reine edle Jungfrau als Freundin am Herzen kannst Du noch einen schönen Strich durch das Leben machen, und mit erhabnen Melodien und Harmonien die Sterblichen bezaubern. Und damit Du überzeugst seist, dass meine Worte die Wahrheit der inneren Empfindung selbst sind: so empfange von mir diesen keuschen Kuss zum Siegel."

So schloss sie ihn an sich, und ihre Seele hing an seinen Lippen, und ihr schöner jugendlicher Körper an dem seinigen, wie zu lauter verklärtem Geist geworden.

Sie drückte ihm noch einmal zärtlich die Hand, mit den Worten: "Freundschaft und Traulichkeit, aber nichts weiter! Nun bedenke, und überlege." Und entwich.

Wenigstens hatte sie sich damit gut aus der Schlinge gezogen. Ein R i c h e l i e u würde die gelegenheit, jedoch umsonst, besser zu gebrauchen gesucht haben. Es war der allergefährlichste Auftritt: die Gartentür verriegelt, sie schon halb entkleidet, der Ort entlegen, sie völlig in seiner Gewalt. Vielleicht sah sie diess alles, gab gleich gute Worte; sonst würde' er wahrscheinlich sie so geschwind so weit nicht gebracht haben; und entschlüpfte.

Erstaunt, gerührt, betroffen, und doch nicht zufrieden mit sich, sprach er, als sie mit behendem gang ihm aus den Augen war: "Blosse Freundschaft; und eine Jungfrau mit solchem Körperbau, solchen Reizen in meinen Armen! Die Wirklichkeit der Fabel vom Tantalus. Jetzt so kalt und keusch wie der Mond: und diesen Morgen ganz Wollust, Glut und leidenschaft mit allem Verführerischen einer Armida? Unbegreiflich! Inzwischen hat sie doch Wahrheit gesagt; ich fühl' es, o ich fühl' es. Immer ein grosser Schritt weiter; die Freundschaft wird das Eis zur Liebe auftauen und schmelzen."

Nachdem er diess mit vielen Pausen für sich gesprochen, und überlegt hatte: fand er die Tür offen, und begab sich nach haus; denn er musste von diesem allen ausrasten.

Kaum hatte sie ihn fortgehen sehen: so war sie auch schon unten wieder im Garten; aber mehr um frische Luft zu schöpfen, als sich zu baden.

Sie setzte grosse hoffnung auf ihn: "Er ist gut und folgt, auch im Sturm der leidenschaft; das hast du gesehen. Das letztre hättest du vielleicht nicht tun sollen! aber es war Zug der natur; und doch es ist gut, auf einmal, ungekünstelt, rein und rund. Es wird alles leichter, edler und schöner." Ihre Mutter allein lag ihr im Sinn.

Sie kam an die Wasservertiefung, betrachtete die Stelle des Auftrittes, und stand voll tiefer Empfindung und weiter Ahndung unbewegt eine lange Weile; eine wahre Minerva von P h i d i a s . Endlich kleidete sie sich doch aus, warf sich hinein, und schwamm nur einigemal hinüber und herüber, herum, und stieg wieder heraus; kleidete sich an, und ging zurück.

Kaum eine halbe Stunde allein, liess die Mutter sie rufen.

Welch ein neuer Auftritt!

Diese wandelte in ihrem Zimmer auf und ab, und empfing sie mit Blicken, die Unruhe und etwas Wichtiges anzeigten. H i l d e g a r d glaubte schon, ihr Eingang und Ausgang im Garten, und L o c k m a n n nachher wäre von ihr bemerkt worden; mit reiner Seele war sie auf alles gefasst.

"Liebe Tochter," sprach die Mutter freundlich zu ihr, nachdem sie mit einander einigemal auf und ab gegangen waren, "Du hast nun alle Eigenschaften, eine vortrefliche Gattin zu werden, und einem Hauswesen wohl vorzustehen. Zwar bist Du noch jung; aber die Schönheit bei uns ist eine Blume, die bald vergeht, und welcher mancherlei Gefahren drohen. Herr von W o l f s e c k , ein stattlicher Mann, von altem Adel, grossem Reichtum und vielen Gütern, dessen Vater des Fürsten rechte Hand ist, verlangt Dich zu besitzen, und sich mit unsrer Familie zu verbinden. Die Fürstin unterstützt ihn, und hat gleich bei ihrer Ankunft mir den Antrag getan, immer mit mir darüber gesprochen, und so eben geschrieben. Ich habe alles wohl überlegt,