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nach Verdienst und Nutzen."

H i l d e g a r d , die neben ihm sass, drückte ihm die Hand dafür, und sagte: "Wie freut es mich, Dich so sprechen zu hören! Es ist schön, edel und wahr. Doch müssen wir etwas genauer bestimmen, was eigentlich Vollkommenheit und Verdienst, und Nutzen und Vergnügen von einander unterscheide."

Ihr Bruder erwiderte: "Um mich durch ein Exempel zu erklären; ein Europäer am Kap gibt zehn und mehr Negern für ein Arabisches Pferd, weil es das ausnehmende Verdienst hat, dass er schnell und bequem darauf reiten kann; denn es ist doch wohl keine Frage, welches das vollkommnere geschöpf ist."

F e y e r a b e n d fügte hinzu: "Wenn ein König gesund und stark und der Wollust ergeben ist, und ihm mangelt der Verstand und die Tugend der Gerechtigkeit: so haben die P o m p a d u r e n , die d ü B a r r y das erste Verdienst; liebt er die Jagd: vielleicht schon ein guter Büchsenspanner; fürchtet er sich vor Tod und Hölle: vielleicht ein Scharlatan von Mediziner, ein Kapuziner. In Rom war ein M a r i u s mehr, als H o m e r und A r i s t o t e l e s . Bei Verdienst kommt es immer auf das Bedürfniss der andern an: bei Vollkommenheit auf den Grad der Vortreflichkeit unter seines gleichen, unter seinem Geschlecht, in der ganzen natur."

H i l d e g a r d . Wohl! ich begreife. Es gehört mehr warmer zarter Sinn, scharfer Verstand, Kunst und Erfahrung dazu, eine Armida wie J o m e l l i zu machen, als diese und jene Schlacht zu gewinnen, wo oft das Glück entscheidet. Nur Menschen vom ersten Range können richtig über Vollkommenheit urteilen; der Janhagel weiss von nichts als Verdienst.

L o c k m a n n . Es gibt Staaten, wo die vollkommensten Menschen fast nicht gebraucht werden, und man sie als unnütz betrachtet. So hat ferner ein mittelmässiger Mensch in jeder Kunst bei einem rohen volk mehr Verdienst, als ein vortreflicher. Kanonenstücke und Staatsactionen kann manches Publikum besser fassen, als einen Tartüffe oder Misantrop. So findet ein Niederländer mehr Vergnügen an einem Gemählde von O s t a d e , als an der Verklärung R a phaels.

F e y e r a b e n d . Nutzen überhaupt bezieht sich mehr auf die Dauer der Existenz; und Vergnügen auf Genuss derselben. Beide greifen in einander ein. Wir sind nicht bloss da, dass wir leben, sondern dass wir auch das Leben geniessen sollen. Wenn der Vogel sich gesättigt, und seine Jungen gefüttert und ausgebrütet hat: so singt und spielt er, und fliegt zur Lust in den Lüften herum. Ein Mensch, der auf weiter nichts denkt, als Geld und Gut zusammen zu scharren, vergisst ganz, weswegen er da ist. Es gibt keine Freude, die nicht, wenn sie in gehörigem Mvasse genossen wird, auch wieder zur Erhaltung des Lebens beitrüge.

Die nützlichen Wissenschaften und Künste dienen den schönen Wissenschaften und Künsten zur Grundlage; so wie in den Staaten, die vom Ackerbau leben, auf dem Bauer alles ruht. Poesie, Mahlerei und Musik in hoher Vortreflichkeit sind in jeder bürgerlichen Gesellschaft Phänomene von Wohlstand. Auch haben sie sich immer auf die Erdstriche eingeschränkt, wo man für Nahrung, Kleider und wohnung wenig zu sorgen hat, wo die Schoosskinder der natur sind.

L o c k m a n n . Sie sind Aufbewahrerinnen der stärksten und süssesten Gefühle der Menschen, und der höchsten Vollkommenheiten der natur. Nach grossen und schönen Taten zur Erhaltung und Verstärkung der Existenz schmeckt das Vergnügen am besten. Wo grosse Kräfte reifen, und in ihrer höchsten Gewalt sich äussern, da sind die zeiten der Kunst. Wo kein Stoff, kein Gehalt ist, ist bei der schönsten Form nur Traum und Schatten, und ein leeres Luftgebilde.

H i l d e g a r d . Das grösste Vergnügen, die grösste Freude, Glückseligkeit, und wie die Worte alle lauten, bleibt immer, seine Fähigkeiten im höchsten Grad anzuwenden; so wie hingegen der grösste Schmerz, das grösste Leiden, wenn eines Menschen oder Geschöpfes Kräfte im höchsten Grad unterdrückt, oder gar vernichtet werden. Die Künste wiederhohlen diese Gefühle an erdichteten Gegenständen.

Diese Worte sagte H i l d e g a r d mit vielem Nachdruck.

Die Mutter beschloss diese Materie, indem sie sagte: "Es scheint, dass die natur Freude und Leid jedem Wesen mit gleicher Wagschale zugewogen habe."

Dieser Anfang des Gesprächs hatte alle etwas angegriffen. H i l d e g a r d suchte es auf leichtere, und ganz leichte Gegenstände bis zum Scherz zu leiten; und erzählte: dass S a c c h i n i , der ihr einige Zeit zu London Unterricht gab, ihr die schönsten Scenen aus der Oper des J o m e l l i mitgeteilt, wie er sie bewundert;

und die Mutter erzählte ferner, wo sie dieselben mit P a c c h i a r o t t i gesungen habe, mit mehrern Umständen.

L o c k m a n n bemerkte, dass er P a c c h i a r o t t i ' n in derselben Oper,