grossen Begebenheit zu Neapel aufführen sollten, was vermöchten sie vom Individuellen oder Eigentümlichen, dem wahren Charakter und dem ächten Ausdruck der leidenschaft darzustellen?"
"Das Sinnlichste und Täuschendste unter allem ist: sie suchen 1. eine Sängerin aus, die der Monarchin an Gestalt
und damaligem Alter gleicht; 2. hauptsächlich denselben Ton der stimme hat. Was
aber 3. Melodie und Harmonie betrift: diese müssen sie
aus ihrem eignen Gefühl schöpfen; denn sie hat
bloss gesprochen und nicht gesungen. Die Erhö
hung und Erniedrigung der stimme, den Accent
können sie bezeichnen, höchstens! das ist alles.
Uebrigens ahmt die Sängerin 4. noch ihr Mienen- und Geberdenspiel nach."
"Also bleibt der Ton der stimme, deren Umfang und Geschmeidigkeit, das Wesentlichste vom Individuellen, was ein Tonkünstler nachzuahmen hat. Deren Charakter muss durch das ganze Drama herrschen; süss für die edlen, heroisch für die Kriegsschaaren, nie furchtsam und verworfen."
"Menschen von vieler Biegsamkeit, Geschmeidigkeit haben auch einen weiten Umfang von stimme; wenigstens muss man diess in der Kunst annehmen. Einem so rauhen Charakter wie C a t o war, kann man nur einen geringen Umfang von Tönen geben; P i c c i n i , der ihn wie einen Kastraten gurgeln lässt, hat ihn ganz verfehlt. Eben so verfehlte S a r t i den Kaiser T i t u s im Giulio Sabino."
"Die begleitenden Instrumente müssen alle zum Charakter der stimme und des Ausdrucks passen."
"Gewaltige Leidenschaften treiben die stimme aus einander. Wenn sie bei einer Armida, Sophonisbe, einem jungen Achill, Orest, den Umfang von drittehalb Oktaven haben kann: so doch nicht bei einem Temistokles, der sein Innres mehr in Gewalt haben soll; und bei Personen in ruhigem Zustande."
"Ferner hat der Tonkünstler zur Bezeichnung des Charakters das Konvenzionelle unsers musikalischen Systems, welches jedoch auf natur gegründet ist. Männer, durch ihren Stand erhaben, bezeichnet treflich Es dur; Weiber und deren süsse Leidenschaften E dur, A dur. Und so die Molltöne bei Traurigkeit und Leiden nach eben dieser Stufe."
"Das Leben der Tonkunst ist übrigens so sinnlich, dass zwei vortrefliche Komponisten voll Gefühl leicht dieselben Konsonanzen und Dissonanzen in Melodie und Harmonie treffen könnten, wenn sie auf den wahren Ausdruck arbeiten wollten. Aber bei keiner andern Kunst herrscht so stark die Sucht, neu zu sein und zu überraschen durch fremde Melodie und Harmonie."
"In der Melodie ist jedoch weit mehr Willkürliches und Augenblickliches als in der Harmonie."
"Und dann denkt sich der Dichter sowohl, als der Tonkünstler eine Dido, einen Alexander jeder nach seinem Fassungsvermögen und seiner Erfahrung; so wie manche Gans von Schauspielerin eine Elisabet, eine Roxelane macht. Und die Zuschauer und Zuhörer haben eben so wenig ein ächtes Bild davon in der Seele."
"Die meisten Tonkünstler suchen also überhaupt etwas Angenehmes für das Ohr, und Rührendes für das Herz zu machen; und, wenn zwölf Musiken auf denselben Text gemacht worden sind, die dreizehnte verschiedne neue, sie mag dazu passen oder nicht. Sänger und Sängerinnen wagen auf die Unwissenheit des Publikums endlich gar so viel, dass sie andre Scenen von ganz anderm Inhalt und Charakter, die sie fertig singen können, in Opern und Operetten einflikken. Ein so ganz blosses Ohrenspiel ist die Musik für den grossen Haufen."
"Da die Auswahl der stimme nach Ton und Umfang so äusserst selten in des Komponisten Gewalt steht: so fällt das Hauptindividuelle von selbst weg. Derselbe Sänger, und dieselbe Sängerin stellen mehrere Personen von dem verschiedensten Charakter vor. Der Dichter muss alles tun; und der Komponist trachtet bloss nach schöner Melodie und Harmonie, und "P e r g o l e s i drückt in seinem Se cerca, se dice "Das Klassische gleicht einem Wald von hohen M a j o , G l u c k und andern. Neid und Kabale, seichtes Gefühl und schwache Einbildungskraft, obgleich zuweilen bei guter Teorie, welche mittelmässige Werke ausposaunen, und vortrefliche lästern; kindische Liebhabereien des rohen gemissleiteten Pöbels müssen endlich vor dem Urteil der Kenner und der grossen dauernden wirkung verstummen. Das Klassische, wenn es keine teufelische Zerstörung angreift, hält sich mit der Zeit selbst fest. Verstand und Klugheit aber ist es, der Zeit zu hülfe zu kommen, und dessen Wirkungen zu vervielfältigen. Man sollte die entschiednen grossen Meisterstücke wenigstens jährlich einmal wieder in die Seelen bringen; aber nicht verhunzt sondern vortreflich. Bei den Kirchenmusiken geschieht es mit einigen; bei den Opern noch nicht. Das Brodstudium der lebenden Komponisten wird es aber nicht lange mehr hindern."
H i l d e g a r d antwortete: "Es ist eine wahre Lust für mich, solche Unterredungen zu hören, und darüber nachzudenken. Ein verzweifelter Streich aber wär' es, wenn die Monarchin, von der Sie sprachen, keine gute stimme hätte!"
L o c k m a n n versetzte: "Nach aller Ohrenphysiognomik muss sie eine haben, oder sie könnte die grosse Frau, das Wunder ihres Jahrhunderts nicht sein."
H i l d e g a r d erwiderte: "Wie aber, wenn sie nur die Sprachorgane, und nicht die Singorgane ausgebildet hätte?"
L o c k m a n n sagte lachend darauf: "Nun, so muss man sie bei dem lyrischen Drama für passend und ausgebildet annehmen; es bleibt nichts anders übrig