abhangen, der sie uns mitteilte. Aufmerksame Zuhörer, wahrscheinlich; einen eifrigen Befördrer hat er gewiss."
H i l d e g a r d gewann immer mehr des Fürsten Gunst; wenn er sie einmal bei sich hatte, konnte sie so leicht nicht wegkommen. Sie betrug sich mit gehörigem Anstand gegen L o c k m a n n , und sprach weniger mit ihm, als das erste mal, doch immer gefällig. Statt ihrer aber gesellte sich besonders die Frau von L u p f e n zu ihm, welche ihn mit ihrem Gemahl bekannt machte. Diesem musste er Duetten für Waldhörner versprechen; wofür er freie Jagd und ein vortrefliches Gewehr dazu bekommen sollte.
Montags gleich nach dem Frühstück war L o c k m a n n bei H i l d e g a r d e n . Sie empfing ihn wieder bei ihrer Mutter. Er brachte eine Oper mit sich, die er für eine der besten unter allen Italiänischen hielt: die A r m i d a v o n J o m e l l i . Er fing an.
"Die Kirchenmusik ist viel allgemeiner, als die Musik der Oper, welche weit mehr ein Werk des Genies ist, und einzelne Menschen und deren Leidenschaften darstellen soll."
"Darstellen überhaupt heisst Merkmale von etwas geben, wodurch es der Seele gegenwärtig wird."
"Jeder, der sich Kenntnisse sammeln und andern mitteilen will, muss diese Kunst besitzen; und alle Wissenschaften und andre Künste beruhen auf ihr. Sie ist die erste und unentbehrlichste von allen. Die andern sind gleichsam nur ihre Kinder, und teilen sich in ihren Reichtum, ihr Vermögen."
"Die Bildhauerkunst hat die Form zum Erbteil erhalten; die Mahlerei die Farbe; die Tanzkunst, im weitläuftigen verstand genommen, die Bewegung am Menschen; die Musik den Ton; die Poesie die Sprache; deren Vasallen sind Beredtsamkeit, geschichte, und alle Wissenschaften, die durch die Sprache mitgeteilt werden. Matematik, die durch den blossen Raum darstellt, hat das weiteste Reich."
"Wenn sich aber auch die Kunst der Darstellung mit ihrer ganzen Familie vereinigt: so kann sie doch die Wirklichkeit nicht ganz geben; es wäre gegen den Satz des Widerspruchs und des nicht zu Unterscheidenden. Diess soll sie auch nicht. Alle Kunst der Darstellung geht immer auf den bestimmten Zweck, das besondre Wesen einer Sache und ihr Bild tief in die Seele zu prägen, zu deren Nutzen und Vergnügen. Ob sie gleich die Wirklichkeit nicht ganz gibt: so gibt sie doch das Brauchbare davon, das Gediegne für den Menschen herausgehoben, von allen Schlacken gereinigt; und ergreift mehr, als die Wirklichkeit selbst, weil sie alles Zerstreuende davon entfernt, und die Merkmale jeder Art in einen Brennpunkt bringt."
"Die Darstellungskunst kann sich mit dem grössten
teil ihrer Familie am mehrsten im Schauspiel vereinigen. In ihrer höchsten Vortreflichkeit wird sie sich aber da vielleicht so selten zeigen, als Sonne, Mond, Merkur und Venus, Mars, Jupiter, Saturnus und Uranus am Himmel um die Erde in einem harmonischen und lieblichen Kranze auf einer Stelle zusammenkommen. Ein S o p h o k l e s , ein G l u c k , ein T i z i a n , die G a b r i e l i , M a r c h e s i , P u g n a n i , die N o v e r r e , die V e s t r i s stehen in Zeit und Ort immer weit von einander."
"Die besten Merkmale sind diejenigen, welche den
besonderen Charakter einer Sache bezeichnen; denn eben dadurch wird sie der Seele am gegenwärtigsten. Wer täuschen will, muss diese treffen; und derjenige trägt den Preis davon, der sie am besten trift."
"H o m e r hat die höchsten Muster persönlicher
Tapferkeit mit allen Schattirungen aufgestellt; und ist desswegen als Heldendichter der erste. A c h i l l , A j a x , D i o m e d , O d ü s s e u s , bleiben noch unübertroffen. Ein Dichter, welcher einen A l e x a n d e r , H a n n i b a l , C ä s a r darstellte, einen T r o m p und R u y t e r , T ü r e n n e , F r i e d e r i c h , meisterhaft das Unterscheidende träfe, wodurch sie sich von andern Heerführern auszeichneten, würde gewiss einen höhern Rang einnehmen; aber dazu gehört so viel Leben und Erfahrung, dass es noch keiner getan hat. Sie lassen sich eben nicht so sinnlich darstellen, als ein A c h i l l . Wie leicht und ergreifend fängt die Iliade an, die Sie in der Uebersetzung von P o p e gelesen haben werden, mit einem Wortwechsel! und wie schmachtet alles auf die Wiederversöhnung, wie dürres zerrissnes Land auf einen Sommerregen!"
"Das höchste aller Kunst besteht in dem von allem andern Unterscheidenden, Individuellen, Täuschenden; nicht gerad' in der Vollkommenheit der Formen, Farben, Töne, Worte, Harmonie und Schönheit derselben. Desswegen sagt man von den Figuren, welche bloss fleissige Künstler den Antiken nachmachen: es ist keine Seele darin; das ist: es ist nichts darin, was das Ganze zusammenhält und individuell lebendig macht. Die Formen können schön,