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ü r s t befragte L o k k m a n n e n um seine Meinung.

Der Inhalt ihres Gesprächs war ungefähr folgender.

"K o n z e r t

ist eine musikalische Versammlung, Akademie; nach der ursprünglichen Bedeutung des Worts, ein Wettstreit, Concertatio, Certamen. In der neuern Bedeutung kommt das Wort aus dem Französischen, und heisst so viel, als musikalische probe; Tonkünstler kommen zusammen, verabreden sich, und probiren die grösseren Musiken, bevor sie dieselben vor dem volk aufführen. Jetzt ist die ursprüngliche und neuere Bedeutung zugleich in dem Worte. Man fand die Proben so angenehm und bequem, dass man sie selbst zu wirklichen Vorstellungen machte."

"Jetzt ist ein Konzert ungefähr das, was bei den Griechen Rhapsodie war: ein einzelnes Stück, oder mehrere einzelne Stücke, aus einem oder mehrern grossen Ganzen, von Virtuosen und Liebhabern vorgetragen."

"In Paris und London sind sie zuweilen ein förmlicher Wettstreit, ein Olympisches musikalisches Spiel, wo die berühmtesten Sänger und Sängerinnen und Virtuosen aus allen Ländern von Europa zusammentreffen. Man sieht dabei weiter gar nicht auf ein Ganzes, sondern nur auf angenehme Abwechslung und schickliche Einteilung für den bestimmten Zeitraum."

"In kleinern Städten und an Höfen ist es eine wöunterreden will, und die leeren Augenblicke mit Musik ausfüllt; oder das stumme Spiel der Karten mit Musik begleiten lässt, und dadurch die öde Stille wegbringt."

"Man könnte sie auf mancherlei Art zu wahren schulen der Musik machen."

"1. Mit einem teil der Einkünfte die grössten Meisterstücke der Musik aller zeiten und Gegenden, die noch übrig sind, da sammeln, aufbewahren, und nach einander studiren, aufführen, und mit einander vergleichen. Diess wäre unstreitig der allerhöchste Zweck, den man dabei sich vorsetzen könnte. Die Geister der grossen Erfinder in der Musik kämpften hier mit einander; und man hätte den Genius verschiedener zeiten und Völker am sinnlichsten vor Ohr und Seele. Um diesen Zweck vollkommen zu erreichen, gehören freilich Städte dazu wie London, Paris, Neapel, Wien, Berlin; und Unterstützung von Königen, Fürsten, und reichen Liebhabern."

"Wenn man inzwischen nur einmal den Anfang damit machte! Man brauchte nicht ganze grosse Komposizionen aufzuführen, sondern nähme nur die schönsten und bedeutungsvollsten Stücke daraus. Künstler und Kenner könnten nachher die Partituren für sich besser studiren. Man brauchte anfangs auch nicht bis zu den Griechen und Chinesen zurückzukehren und auszuschweifen; sondern nähme nur die Hauptsachen von P a l e s t r i n a an bis auf unsre zeiten."

"Durch starke Kontraste würde das Vergnügen sehr erhöht werden. Zum Beispiel nach einander ein Stück von D u r a n t e oder V i n c i ; und darauf eins von P a e s i e l l o oder C i m a r o s a ; eins von dem berühmten Kapellmeister Karls des Sechsten Fux: und darauf eins von G l u c k oder N a u m a n n ."

"Ein Konzert, auf diese Art mit Geschmack eingerichtet, würde bald alle mittelmässige teure Opern zu Schanden machen. Das nämliche verstände sich auch von Instrumentalmusik. Die Virtuosen müssten sich in den Genius der Zeit so viel wie möglich einstudiren, wenigstens anfangs von C o r e l l i und V i v a l d i an, und T a r t i n i , bis zu unserm Ariost H a y d n . Die Kunst der Musik würde dadurch nach und nach mehr Tiefe in der geschichte der Menschheit gewinnen."

"2. Was noch geschieht, aber mehr von ungefähr, als aus Zweck: alle Anfänger da prüfen durch das Publikum; und leicht die Stimmen sammeln, ob sie fortfahren sollen in dieser Kunst, unterstützt zu werden verdienen, oder nicht; und ihnen guten Rat erteilen, so wohl was Komposizion, als Ausübung betrift."

"3. Nachrichten einsammeln von neuen Werken und Virtuosen in den verschiednen Städten Deutschlands und andrer Länder durch musikalische Korrespondenzen."

"4. Sich unterreden, wie Kirchen-, Teater- und andre Musik in einen bessern Zustand zu versetzen sei."

"5. Die berühmtesten Sänger, Sängerinnen und Virtuosen auf ihren Reisen da hören, ihr Vortrefliches und ihre Eigenheiten prüfen."

"Um diese und mehrere Zwecke zu erreichen, müssten Kenner und in der geschichte der Musik Erfahrne an der Spitze stehen, regieren und leiten."

"Die angenehmsten Konzerte heutiges tages sind solche, wie sie die Italiäner haben. In ihren häufigen Opern jedes Jahrs werden gewöhnlich nur einige Scenen vorzüglich gut ausgearbeitet; und diese aus verschiednen Städten führen sie darin nach einander auf. Ihre Konzerte sind also gleichsam die Ernte von jedem Jahre. Und so geht es noch mit der Instrumentalmusik."

"Unsre gewöhnlichen Konzerte erfordern notwendig wenigstens diese Verbesserung, dass man bei den Scenen und Arien, welche da in fremden Sprachen gesungen werden, die Worte übersetze, und das Ganze angebe, worin sie sich befinden; denn sonst ist ein blosses Gurgeln und Trillern, mit Lärm von Instrumenten, wobei die mehrsten schlechterdings nicht wissen, was sie denken und empfinden sollen."

Der Fürst endigte die Unterredung, indem er sagte: "Ritterliche Wettstreite werden wir an unserm hof halten, wenn sich Gegner für solche Bradamanten und Marfisen finden sollten; und die andern guten Ideen zur Ausführung zu bringen, wird nicht wenig von dem treflichen Meister