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beide.

Sie und Mutter und Bruder wollten nun nach haus zurückkehren; aber äbtissin und Nonnen baten und flehten, und es ward ihnen nicht gestattet.

Man hatte sich für diesen Tag mit einem reichlichen Vorrat von speisen versehen, und einige geschickte Köchinnen waren schon aus der Nachbarschaft herbei gerufen worden. Es mangelte ausserdem im Kloster nie an allerlei köstlich Eingemachtem, so wie an niedlichem Zuckerwerk, welches selbst zuzubereiten, verschiedne Schwestern ausgelernt verstanden. Die äbtissin nahm für diesesmal an ihre Tafel, ausser den zwei vornehmsten Alten, die immer mit ihr speisten, drei der schönsten und wohlerzogensten Nonnen, unter welchen sich die Elsasserin befand, und H i l d e g a r d wie die himmlische Venus neben ihren Grazien sass, wenn man Vestalinnen mit diesen vergleichen darf. Sie trug ein weiss seidnes Kleid über einem rosenfarbnen Untergewande; und überblühte alle an Gestalt, wie die königliche Rose die andern Blumen.

Unten im Kloster und in den Seitengebäuden waren mehrere Tafeln für die Kapelle und andre Gäste.

Der Kapuziner war lange in Rom gewesen, fing bald das Gespräch mit Lob über H i l d e g a r d s stimme an, und sagte, dass er binnen zwölf Jahren nie eine schönere in Italien gehört habe, nicht eine, die damit zu vergleichen wäre.

Wie erstaunte L o c k m a n n , als er sie im besten Toskanischen mit der wohllautendsten Römischen Aussprache antworten hörte: "Guter Vater, es schickt sich nicht für Sie, eine von Evens Töchtern, die sich leicht verführen lassen, mit Ihren Lobsprüchen eitel machen zu wollen."

Der Kapuziner streichelte seinen grauen langen Bart vor Freude, und erwiderte im Italiänischen ferner: "Sie sind ohne Zweifel, obgleich so jung, schon in Italien gewesen, da Sie dessen Sprache so gut reden?"

"Nein, noch nicht, antwortete sie; aber ich habe gute Lehrmeister und Lehrmeisterinnen gehabt: Vater und Mutter, und Virtuosen und Sängerinnen aus diesem land der Schönheit und Künste. Jedoch nichts weiter in dieser Sprache! die frommen Schwestern hier möchten sonst glauben, Sie, ehrwürdiger Vater, hätten Ihren Zweck erreicht."

Geschwind wie ein Blitz war diess vorbei; L o c k m a n n aber himmelweit davon entfernt nur die geringste Ahndung zu haben, warum sie gerade jetzt mit diesem neuen Reiz erschien.

Wie sich die Weiber selten einander etwas der Art gönnen, und auch die besten und wirklich keuschen eifersüchtig sind: so hatte H i l d e g a r d schon auf dem Chore bemerkt, dass die Elsasserin und der schöne junge Mann sich einander verstohlen lüstern angafften, indess sie ziemlich fertig, doch immer Nonnenmässig gehudelt, die Einleitungen und Antworten zur Declamazion des Priesters am Altare auf der Orgel griff, und sich desswegen öfter, als notwendig war, mit dem Köpfe rücklings wandte. Als sie zur Tafel traten, bemerkte H i l d e g a r d diess noch stärker; und so ging das Spiel, allen andern Augen verborgen, daran fort. Auch hatte die allerschlaueste nicht undeutliche Spuren von Absichten der äbtissin selbst wahrgenommen. Als sie die wenigen Italiänischen Worte sprach, richtete sie nicht einen blick auf L o c k m a n n e n ; aber hernach redete sie bei gelegenheit freundlich und gefällig mit ihm, jedoch ohne die mindeste Verletzung jungfräulicher Sittsamkeit und ihrer Würde.

Dieser konnte nicht unterlassen, ihr in eben der Sprache lebhaft sein Vergnügen zu bezeigen, dass sie so gut Italiänisch sprach. Die Nonne war für ihn ein blosses neues Augen-, höchstens leichtes Sinnenspiel der warmen Jahrszeit; und von einer Vergleichung zwischen ihr und H i l d e g a r d e n in seinem ganzen Wesen nicht die geringste Spur. Die äbtissin pries beide, sie und ihn, höchlich, und sagte, dass sie noch niemals auch nur eine ähnliche Musik gehabt hätten.

Der Kapuziner rühmte den schönen Ausdruck und das Glänzende der ganzen Musik im Salve Regina von M a j o . Er kannte die grössten neuern Kirchenkomponisten in Italien, wie er sie nannte, den Pater M a r t i n i zu Bologna, Pater V a l l o t t i zu Padua, und Pater Z u c c a r i zu Assisi persönlich. Ihre Musik, sagte er, sei strenge, heilig, gleiche der ehrwürdigen der unsterblichen P a l e s t r i n a und M a r c e l l i , und reisse, wenn sie von Sängern wie G u a d a g n i vorgetragen werde, wie ein Strom mit sich fort; aber mit solcher Melodie, mit so etwas Himmlischem, kurz mit solcher Schönheit hätten sie sein Herz nie in Bewegung gesetzt, als M a j o mit seinem ersten Salve. G u a d a g n i und P a c c h i a r o t t i würden es aber auch nicht wagen, so etwas nach ihr, alles andere dazu gerechnet, singen zu wollen.

H i l d e g a r d gab dem guten Pater einen neuen Verweis; aber er liess sich von ihrem Lobe nicht abbringen.

"Man glaubt fälschlich, fuhr er fort, dass das Klima von Italien allein die bei weitem allervollkommensten Organe zum Singen hervorbringe, die zarten und zugleich höchst elastischen Fibern, Nerven und Muskeln zur Lunge, Brust und Kehle; und dass eine ausserordentliche stimme so wenig ausserhalb Italiens