Pomp gleich der Anfang vier Takte im Largo auf die Sylbe Sal----ve! wenn diess nicht teatralischer Prunk ist, was soll es sonst sein? Und gleich hernach wieder zwei Laufe darauf, und hernach gegen Ende noch ein ellenlanger. Und eben so ist das Clamamus."
Nachdem eins um das andre diess bemerkt hatte, und inzwischen die Zeit verstrichen war: bat er H i l d e g a r d e n und ihren Bruder, sie möchten mit ihm in den Konzertsaal kommen; dort wolle er sie noch ein drittes Salve hören lassen, welches er aufzuführen gedenke; jedoch solle ihre Wahl entscheiden.
H i l d e g a r d wünscht' es noch vor der probe zu sehen. L o c k m a n n sagte, er habe diess bei ihrer grossen Fertigkeit nicht für nötig erachtet; jedoch zog er die Partitur aus seiner linken Rocktasche nun auch hervor. Er setzte sich wieder ans Klavier, und sie sang.
Salve Regina, mater misericordiae, vita, dulcedo; dulcedo et spes nostra; et spes nostra salve! Salve Regina! Salve mater! Salve mater misericordiae! Salve Regina! Salve! Salve!
Alle riefen fast einstimmig aus: "Göttlich! göttlich! Nichts kann schöner sein! es ist das Höchste! Wie weit bleibt P e r g o l e s i zurück, auch an Ausdruck!"
"Diess ist ein Werk," sagte L o c k m a n n , um alles Missverständniss zu vermeiden, "von dem himmlischen Genius der Musik, dem jungen Neapolitaner F r a n c e s c o M a j o , der in einem kurzen Zeitraum den grössten und bewundertsten Meistern seiner Zeit den Rang ablief, und leider zu früh Italien und Europa durch den Tod entrissen ward."
H i l d e g a r d sang und musste gleich diese erste Stelle noch einmal singen. Sie tat es mit der Begeisterung einer jungen schwärmerischen Priesterin zum Entzücken. L o c k m a n n strengte mit Gewalt allen seinen Verstand an, um nicht vor ihr auf die Knie zu fallen. Die Feuchtigkeit der Wonne quoll tropfenweise in seine Augen; so zauberisch hatte' er ihr inneres schönes Wesen noch nicht in den Lüften vernommen. Melodie und Harmonie war ganz wie aus ihrer Seele.
Er sagte nach der Wiederholung: "Hohe, süsse Schönheit muss an und für sich schon bei allen Künsten sehr in Anschlag gebracht werden. Diess gilt bei diesem Werk in vollem Maasse. P e r g o l e s i übertrift ihn vielleicht, und kaum, bei einer oder zwei Stellen im Ausdruck; M a j o aber steht an Schönheit weit über ihm. Bei dieser ersten Hauptstelle steht er auch an herzergreifendem Ausdruck im begleiteten Recitativ, welches für die Worte viel natürlicher ist, über seinem desswegen allgemein bewunderten Landsmann. Der letztere gleicht in seinem Ausdruck einer leidenden abgehärmten Matrone; und M a j o der schönsten Tochter der Niobe."
Sie sang weiter.
In hac lacrimarum valle dünkte alle über die Maassen rührender im schönsten Ausdruck; er hält darauf im eingestrichnen C, und die Begleitung spielt und weht pittoresk darum.
"Eja ergo advocata nostra illos tuos misericordes oculos ad nos converte; ist, obgleich mit aller Pracht der Begleitung von zwei obligaten Trompeten, zwei Fagotten, und einer Hoboe Solo, nebst noch zwei Ripientrompeten, doch äusserst zärtlich bittend vorgetragen, in solcher glänzenden stimme der Begeisterung wie der ihrigen, die freilich dazu gehört, um dadurch immer hervor zu strahlen. P e r g o l e s i ist dagegen kleinlich und ängstlich; im M a j o atmet überall mehr Schönheit, und ohne Vergleich mehr Würde des Menschen."
"Man muss diese Begleitung als ächten herrlichen festlichen Schmuck ansehen, der jedermann erheitern und erfreuen soll; es ist gleichsam eine Volkshymne zur Ehre der Jungfrau. Solche Gesänge sind schlechterdings nicht, die Gefühle eines Lazarets auszudrükken; sondern die eines volkes, das nach Drangsalen hoffnung schöpft, und wieder glücklich wird."
"Et Jesum benedictum fructum ventris tui nobis post hoc exilium ostende ist bei P e r g o l e s i wie eine Madonne von R a p h a e l ; gewiss aber auch bei M a j o , wie eine Madonne von C o r r e g g i o mit allem Zauber des Kolorits und Helldunkeln."
"Wahr ist es, im O clemens bleibt P e r g o l e s i unübertroffen. Uebrigens muss man noch dessen zeiten bedenken; er ist hier gleichsam M a n t e g n a , wie schon gesagt, zu C o r r e g g i o ."
"Jeder setzt seinen Charakter durch. Gestehen muss man inzwischen immer, dass P e r g o l e s i tieferes Gefühl von Leiden gehabt hat; verkleinerte Sekunden, Quarten, Nonen – damit ist alles bei ihm verschmolzen. Es ist kein grosser Styl, aber ein äusserst darstellender bis ins Feinste. Zu seiner Zeit war man noch nicht so weit in der freien Schönheit von Melodie und Harmonie gekommen."
"Man weidet sich recht an menschlicher Kunst, und menschlichem tiefen hohen und schönen Gefühl, wenn man von einer so süssen und gewaltigen Kehle beide nach einander hört und vergleicht."
"Im Schlusse noch ist M a j o göttlich; die Wiederholung des Anfangs