gegangen."
H i l d e g a r d erwiderte darauf: "Ihre Bemerkungen scheinen gegründet zu sein. Wenn man aber bei einem solchen Text, wie die Worte des Miserere, die Musik des A l l e g r i und L e o mit der von S a r t i vergleicht, so kann wohl kein Mensch von Verstand und Geschmack zweifeln, wo Wahrheit, Würde und Schönheit, und wo Ziererei und oft nur leeres Tongepränge sei. Und doch ist S a r t i s Werk ein Meisterstück der neuern Kunst; und ohne den A l l e g r i oder L e o gehört, oder noch in frischem Gedächtnisse zu haben, hört es wahrscheinlich jedermann mit Vergnügen. So viel kommt auf Gewohnheit und Vorurteil in der Musik an."
Sie dankte ihm dann mit holdem blick für die Mitteilung und Erklärung der besonderen Schönheiten in dem Meisterstücke des grossen L e o n a r d o L e o . Er sagte ihr, durchdrungen von Zärtlichkeit und Bewunderung, als die Dämmerung die Aussichten schon in ihren magischen Schleier hüllte, mit gedämpftem Ton der stimme: "Kein grösseres Glück für mich, als wenn ich alles, was ich weiss und vermag, Ihnen zu Füssen legen kann, und Sie es gütig annehmen wollen."
Sie waren eine Strecke voran, und bei der Umkehr in einen andern dunklen gang, fasst' er ihr, geschwind wie der Blitz, die zarte Rechte. H i l d e g a r d wollte sie zurückziehn, vermochte es aber nicht. Er drückte die Hand feurig an seine Lippen, indess sie, halb spottend und halb in Furcht gesehen zu werden, sich zurück wandte, und empfahl sich.
Er war kaum auf seinem Zimmer, und sah zum Fenster hinaus nach der Wasservertiefung, als ein Bote, der schon einmal da gewesen war, vom Fürsten kam, dass er ihn sprechen wolle.
Der Fürst sagte: "Ihr Ruhm verbreitet sich schon im land. Die äbtissin im Gebirge verlangt von Ihnen, dass Sie ihr eine Musik aufführen sollen, und bittet mich darum, und um die Leute, die Sie dazu brauchen. Es ist grosse Wallfahrt zu einem alten wundertätigen Marienbild in ihrem Kloster, und nächsten Donnerstag halten sie fest und Prozession damit. Die kurze Spazierfahrt dahin wird Ihnen ganz angenehm sein."
L o c k m a n n antwortete, dass er es mit Freuden tun werde.
Den andern Morgen liess er einen grossen teil der Kapelle um zehn Uhr bestellen; und ging bei guter Zeit zu H i l d e g a r d e n .
Sie spielte Federball mit ihrem Bruder im Speisesaal, und beide waren munter und heiter. Er erzählte gleich den Auftrag des Fürsten; und fragte, ob sie wohl Lust hätten, eine Spazierfahrt insgesamt mit nach dem Kloster zu machen. Es wurde mit froher Begierde der Mutter vorgetragen; welche zwar anfangs einige Bedenklichkeit äusserte, doch endlich es erlaubte. Sie kannte die äbtissin; hatte aber sie und das schön gelegne Kloster seit ihrer Rückkehr aus England nicht wieder gesehen, und wollte selbst dabei sein.
Darauf ging es nach dem Musiksaal. L o c k m a n n zog zuerst das Salve regina von P e r g o l e s i hervor. Sie kannten es alle; und H i l d e g a r d sang es vortreflich. Darauf das vom Londoner B a c h . Auch dieses kannten sie; und es wurde gleichfalls vortreflich gesungen. Man sprach über den Unterschied beider Musiken; und kam im Urteil ziemlich überein.
"Wahrheit und Verstellung. B a c h schrieb die seinige bei Champagner und Burgunder, gesund und in Wohlleben; P e r g o l e s i , als er selbst bald seine Seele aushauchen wollte. Dieser für schwärmerisch fromme Lazzaroni und ihre Weiber, Söhne und Töchter; jener, ohne einen Funken Glauben, für eine Hofkapelle. B a c h steht durchaus an Wahrheit des Ausdrucks unter dem Italiäner; hat aber dafür mehr Anstand, fromme Hofmiene, die er jedoch hier und da vergisst, als bei lacrimarum valle, wo man eben so gut Paradies, Bajä und Tempe unterlegen könnte. P e r g o l e s i weint bei diesen Worten im Gegenteil zu sehr, gegen die Regel der Schönheit."
"Gefühlvolle Menschen, denen es in dieser Welt wirklich übel geht, und die sich nach etwas Besserm sehnen, würden ohne Zweifel mehr in den Ausdruck des P e r g o l e s i einstimmen. Aber auch bloss als Musik betrachtet, ist ohne Vergleichung mehr Kern und schöne natur in seiner Komposizion."
"Wie wahr und schön gefühlt im ersten Largo: Vita, dulcedo, et spes nostra, Salve! und mater, vita, dulcedo, Regina! so lyrisch am Ende. Und hernach das Ostende Jesum, wie eine Madonna von R a p h a e l ! Und das letzte: O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria! Wahre Accente einer Heiligen; so innig, dass der Umfang der ganzen Melodie nur wenig Töne beträgt."
"B a c h hat inzwischen doch auch schöne Züge, und sein Werk ist mehr gerundet zur Aufführung: Gementes et flentes ist vortreflich; und Eja ergo advocata hat selbst Pergolesischen Ausdruck, wenn es nur nicht wie das meiste andre zu gedehnt wäre. Welch ein