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Herren und Damen aus dem Ort und der Nachbarschaft wurden von der rührenden Neuheit des Gesangs überrascht und entzückt; sie hätten ihn beim Schlusse gern noch einmal und zweimal hören mögen. Der Fürst war davon im Innersten durchdrungen.

Sonntags früh hörte man mit gleicher Andacht und Seelenlust die heiligen Chöre des P a l e s t r i n a bei der Messe; aber der Messias übertraf den Nachmittag bei weitem die wirkung der beiden vorigen Werke. H i l d e g a r d trat darin auf mit allem Zauber jugendlicher Schönheit in himmlischer stimme, Gestalt und Kleidung; eine wunderbare, entzückende Erscheinung. Alle Gefühle der Religion wallten nach und nach mit hohem Leben in die Herzen der Zuhörer; die bittern Dolchstiche des Leidens verstärkten die Süssigkeit der Erlösung, und den Vorgeschmack ewiger Wonne; und bei der Fuge: P r e i s u n d A n b e tung und Ehre und Macht sei ihm, d e r d a s i t z e t a u f s e i n e m T h r o n , wollten Alle mit singen, wenn sie nur gekonnt hätten. Es war ein allgemeiner jubel. Beim Ausgang aus dem Tempel sagte jeder: so etwas Himmlisches haben wir noch nicht gehört, solch ein fest noch nicht gehabt.

Der Fürst belohnte Abends L o c k m a n n e n mit einer goldnen Repetiruhr von grossem Wert, und mit gefühlten und verdienten Lobsprüchen. Aber H i l d e g a r d erhielt die mehrste Bewunderung: ein Engel des Lichts vom Himmel auf Erden könnte nicht mehr Erstaunen erregen. Der Fürst wusste zwar, dass sie Musik trieb, sang und eine schöne stimme hatte; aber solche Ausbildung und Vollkommenheit mit so wahrem Ausdruck hatte er nicht erwartet. Noch gefiel ihm über die Maassen, dass sie ihm eine so unverhoffte Freude hatte machen wollen, und nicht zu stolz gewesen war, zugleich auch das Volk zu ergötzen. Gleich nach der Musik dankte er ihr tief gerührt herzlich für sich und für alle; und beglückte mit seinem kräftig ausgedrückten Beifall den Meister und die ganze Kapelle.

Gleich den Montag darauf Nachmittags ging L o c k m a n n zu H i l d e g a r d e n , und nahm Musik mit sich. Er traf sie bei ihrer Mutter; sie stickte an einer Weste für ihren Bruder, und hatte Feldblumen von den schönsten Blüten und Farben vor sich liegen. Sie sagte: "Es muss bei der Mode immer etwas Seltnes sein; und wer die Botanik nur ein wenig versteht, findet Vorrat von den schönsten Blumen in Menge."

Die Mutter fragte ihn dann, was er für Musik mit sich bringe.

Er antwortete: "Miserere und nichts als Miserere! Weil wir vorgestern mit dem von A l l e g r i grossen Beifall erhalten haben, und es für ein heilig gesprochnes Werk gehalten wird: so hab' ich die Musik einiger andern grossen Meister zu denselben Worten mit mir genommen, um sie mit der von A l l e g r i zu vergleichen, damit wir Sinn und Verstand uns nicht durch fremdes Urteil bestechen lassen."

"Wohl, sehr wohl, vortreflich!" sagten Beide, standen auf, und gingen mit ihm nach dem Musiksaal.

Das erste war das Miserere von L e o .

"Was das von A l l e g r i für Rom ist, ist das von L e o für Neapel; jenes nur ungefähr um hundert Jahr älter."

"Nur was wirkung, aber nicht was Kunst betrift, lassen sich beide vergleichen. Wenn A l l e g r i ein holder schöner Jüngling ist, der in einem Schäfertanz mit wenig gemessnen Schritten in dem süssen Reize der Unschuld erscheint, und, denselben Tanz wärmer und glühender wiederhohlend, entzückt: so ist L e o ein V e s t r i s , ihm nichts damit zum Nachteil gesagt, der die höchste Kunst und deren ganzen Reichtum in seiner Gewalt hat. Seine Musik ist so recht eine Quelle von Klang, und erquickt Ohr und Seele. Dieses Werk gleicht in seiner Art der Arbeit am Torso des Herkules."

"Das Ganze ist nicht zusammengereiht und gestickt; es ist eine erhabne Einheit, die wie ein Strom von unzählbaren reinen Quellen und Bächen immer mehr anschwillt, und in Wonnefluten und Strudeln bald die Herzen herumtreibt, woraus Entzücken entsteht und ein neues Leben kommt."

"Welche Rührung überwallt das Gefühl gleich beim Anfang: Miserere mei Deus! so recht die reuende Klage sinnlicher verführter Menschheit in sich schämender holder Nackteit. Secundum magnam misericordiam tuam; wie die Töne bei dem misericordiam gleichsam die Knie umschlingen!"

"Wie die Feierlichkeit des Volksgebetes beim dritten Verse immer mehr sich verstärkt, und das Ganze in den Lüften tiefe Wurzel fasst! und das ab iniquitate, wie ein eingebohrter Pfeil des Uebels aus dem Leben gezogen, oder wie der Schlamm und Kot von dem kind scharf abgerieben wird, dass es weint, und ihm die Augen dabei übergehen!"

"Beim fünften fängt der Strom schon an zu schwellen, und der zweite Chor tritt in die Harmonie ein; oder vielmehr zwei Ströme wallen neben einander fort, und vermischen sich bei et vincas und cum judicaris."

"Der siebente Vers Ecce enim gleicht einem tiefen Genfersee voll Majestät, doch überall noch im zug des Stroms, und tausendfach lebendig. Wie klar und entzückend