und den Accord der kleinen Septime auf der Quinte des Grundtons, welche sie mit gleich richtigem Gefühl die Dominante nennen, l'Accord sensible, weil er die Harmonie dazu ist."
"Da ferner die Töne darin entweder nur eine grosse, oder eine kleine Terz hatten, und dem H die Quinte fehlte: so konnte man sich gar wenig regen und bewegen, und musste sich in der Musik gleichsam mit wasser und Brod behelfen."
"Nachdem man die zwölf Töne erfunden hatte: fing man an, auf verschiedene Weise zu temperiren, damit jeder Ton, wenigstens erträglich, jedes Intervall sein könnte; bis man endlich zur gleich schwebenden Temperatur gelangte."
"Doch betrift diess hauptsächlich nur Instrumente, wo man den Ton nicht in seiner Gewalt hat, und besonders das Klavier; bei der stimme und auf Geigen entscheidet das Gehör im lebendigen Vortrag."
"Sänger und Virtuosen sollten aber vorher die wirkung der verschiednen Verhältnisse der Intervallen wohl untersucht haben. Und dafür gibt es keinen bessern Lehrmeister, als ein zartes reines Gehör und lebendiges Herz bei einem guten Monochord. Schon der Stammvater der neuern Musik, G u i d o von Arezzo, preist dieses in seinem kurzen Unterricht über die Musik auf der ersten Seite vorzüglich an8."
"P y t h a g o r a s , der erhabne Erfinder desselben9, empfahl es auf dem Sterbelager seinen Freunden, als den einzigen untrüglichen Wegweiser in dieser göttlichen Kunst."
"Der grosse Haufe der gewöhnlichen Tonkünstler bekümmert sich darum sehr wenig, und hält diess für Grillen; sie bringen aber auch oft so falsche Intervallen hervor, dass sie ein reines geübtes Ohr foltern."
"Unser Klavier sollte hauptsächlich gleichsam zum Kompass auf dem weiten Ozean der Musik dienen. Wir finden darin jede Seite ihrer Sphäre in höchster Richtigkeit, so vollkommen, wie die Alten sie nicht kannten; und können sie die Kreuz und die Quere, wie das geschmeidigste Element, nach Belieben, ohne zu irren, umschiffen. Aber bei einzelnen Intervallen und Melodien aus wenig Grundtönen kann gar wohl die reine natur über die gesammte Kunst herrschen. G a b r i e l i , P a c c h i a r o t t i , T a r t i n i und P u g n a n i können ihre Konsonanzen und Dissonanzen so rein wie möglich und in den ausdruckvollsten Verhältnissen hervorbringen, ohne sie nach dem Bedürfnisse der zwölf Töne in eine Oktave zu modeln. Dieses tun sie auch zum Entzücken; und es bleibt wahr, das Höchste der Kunst besteht im lebendigen Vortrag und in der Aufführung."
"Die Griechen hatten die Musik noch nicht für die allgemeine natur ausgearbeitet; und ihre Tonleitern, möchte' ich sagen, waren nur für besondre Charakter. Für Melodie könnten sie einem musikalischen Genie übrigens noch sehr ergiebig sein."
H i l d e g a r d dankte L o c k m a n n e n aufs verbindlichste für diesen Anfang; und sagte dann zur Frau v o n L u p f e n : "Ich will Dir nicht umsonst gesungen haben, und Du sollst dafür Dich auch hören lassen. Also geschwind aus Klavier."
Frau v o n L u p f e n sträubte und weigerte sich; aber man suchte Musik. Sie wählte aus; inzwischen stimmte L o c k m a n n in kurzer Frist das Klavier wieder in die gleichschwebende Temperatur. Und nach einigen angenehmen Modulazionen spielte sie eine meisterhafte Phantasie von M o z a r t so fertig, mit so viel Ausdruck und Gewalt über alle Eigenschaften des Fortepiano, dessen leiseste Zarteit und allerhöchste Stärke, dass L o c k m a n n einmal über das andre ihr Beifall zurief.
Sie war kaum zu Ende, als sie den jungen H o h e n t h a l ergriff, und zu ihm sagte: "Nachdem Sie Ihre stimme wie ich verloren haben, so sollen Sie Sich mit mir auf Ihrer Violine hören lassen."
Sie spielten dann mit einander noch eine der schönsten Sonaten von demselben Meister zu allgemeiner Freude. Man hörte wohl, dass H o h e n t h a l Sänger gewesen war; er griff die Töne so rein, trug alle Melodie so geschmeidig vor, und begleitete sie überhaupt mit so viel Geschmack, dass L o c k m a n n am Ende leise für sich in folgende unerwartete Apostrophe ausbrach: "O vortreflicher Vater, das muss dich noch im Himmel freuen! Warum durftest du das Glück einer so musterhaften Erziehung mit einer so würdigen Gattin nicht länger auf Erden geniessen!"
Diess rührte alle bis zu Tränen; die Mutter begab sich weg, und man ging darauf bald aus einander.
"Welch eine Familie! was für ein Mädchen!" sprach er oft für sich unterwegs, eine Symphonie von Empfindungen durch sein ganzes Wesen.
Den andern Morgen war Generalprobe. H i l d e g a r d stellte sich mit ihrem Bruder dazu ein; sie hatte den Abend zu haus erzählt, dass sie dem Verlangen nicht habe widerstehen können, dem unsterblichen H ä n d e l mit ihrer stimme ein Opfer zu bringen.
Miserere und Fratres gewannen unbeschreiblich durch sie; und Messias entzückte doppelt aufs neue.
Das Miserere ward Sonnabends zur Vesper in der grossen Kirche aufgeführt, so gut, und vielleicht mit mehr Andacht und Gefühl, als zu Rom.
Hof und Volk und