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erklärt er die wunderbaren Wirkungen der Musik der Alten, dass ihr heroisches Ohr sich das weichliche Vergnügen der neuern grossen Terz versagt habe; und diese Hypotese putzt er aus mit den Aegyptischen Planeten und Tagen der Woche."

"Einige Französische Geistlichen hielten dafür, dass diese Meinung eine Revoluzion in der Musik hervorbringen müsse; und dass die Kapelle D a v i d s und S a l o m o n s dadurch wieder hergestellt werden könne. Es hat aber natürlich kein Hahn darnach gekräht."

"Gewiss bringt die grosse Terz in dem Verhältnisse von 64 zu 81 eine andre wirkung hervor, als in dem von 4 zu 5; und es ist nicht zu leugnen, dass die diatonische Leiter einen einfachern männlichern Schritt, und dabei einen erhabnern Charakter erhält, welcher mit d e m zu vergleichen wäre, was W i n k e l m a n n in den bildenden Künsten den s e v e r e n G r i e c h i s c h e n S t y l nennt: aber wahr bleibt es immer, dass die grosse Terz in dem Verhältnisse von 4 zu 5 dem Ohr in der reinsten, freiesten Schönheit lautet, und dass sie die tiefe Saite im Nachklang darin schon selbst, wie in ihrer gehörigen natur und Vollkommenheit, wo nichts zu viel und zu wenig sein kann, angiebt, und die alte in einem angestrengten Zustand ist."

"Gegen seine Beweise möchte übrigens bei einer so dunklen Sache, wie die Musik der Alten, manches einzuwenden sein. Die gewaltige wirkung, die sie zuweilen soll hervorgebracht haben, lässt sich leichter aus mehrern andern Ursachen erklären; und Gegenden, Menschen, und Umstände, wo die Leidenschaften reger waren, geringer Umfang der Kunst, und Reiz der Neuheit müssen dabei in Rechnung kommen. Auf ähnliche Weise machte wohl der Chor der Scyten in G l u c k s Iphigenia in Tauris auf einen Amerikanischen Wilden zu Paris einen stärkern Eindruck, als dessen Se mai senti spirarti sul volto lieve fiato je auf einen Neapolitaner."

"Dabei glaube' ich jedoch selbst, dass die Alten die Verhältnisse der Töne weit lebendiger und tiefer in ihren langsamern Bewegungen und der einfachen Begleitung gefühlt haben, als wir."

Hier mischte sich F e y e r a b e n d ins Gespräch, und sagte: "Die Musik der Griechen ist uns ganz fremd und unbekannt, und wir können nicht einmal ihr klassisches Zeitalter bestimmen. Welch ein ganz andres Ansehen hat nicht die Musik nur seit funfzig Jahren in Neapel gewonnen!"

"Wahrscheinlich war die Dorische Tonart ungefähr das, was bei uns C ist; und die Phrygische, die Lydische, Aiolische, Ionische u.s.w. hatten schon daher, (noch ausser der besonderen Lage der Halbtöne, den eingeführten langsamem oder raschern Bewegungen, der verschiedenen Poesie, auch den verschiednen Instrumenten, die sie begleiteten, und den verschiednen Völkerschaften,) ihren besonderen Charakter. Ohne Zweifel hat die Griechen hauptsächlich die beschwerliche Art, die Töne und ihre Dauer zu bezeichnen, von einer höhern Vollkommenheit und unsrer Harmonie zurückgehalten."

L o c k m a n n antwortete darauf: "Man erzählt von unsern Urgrossvätern im zehnten, elften und zwölften Jahrhundert, dass sie in ihrem musikalischen System nur die sieben Töne c, d, e, f, g, a und h gehabt hätten, aus welchen sechs verschiedne Tonarten entsprangen, nachdem jeder von denselben der Grundton wurde; das H, welches damals B hiess, ausgenommen, weil dieses keine reine Quinte hatte. Der Ton, welchen wir jetzt B nennen, soll zuerst zu den sieben Tönen erfunden worden sein, um eine reine Quarte zu F zu erhalten, und damit das F zugleich eine vollkommne Quint in der Tiefe hätte. Alsdann wären nach und nach Cis und Dis, Fis und Gis noch dazu erfunden worden, und unser heutiges System erst spät in dem sechzehnten Jahrhundert zu stand gekommen."

"Diesen sechs Tonarten gab man alte Griechische Namen, und nannte C als Grundton die J o n i s c h e , D die D o r i s c h e , E die P h r y g i s c h e , F die L y d i s c h e , G die M i x o l y d i s c h e , und endlich A die A i o l i s c h e Tonart."

"Nach der Lage der zwei Halbtöne in der Leiter entstand für jede Tonart ein besondrer Charakter, der auch in den ältesten Chorälen herrscht. Wie viel davon wirklich Griechisch sei, ist wohl schwerlich zu entscheiden. V o m Himmel hoch da k o m m ' i c h h e r , ist Jonisch. M i t F r i e d u n d F r e u d f a h r i c h d a h i n , Dorisch, und s.w."

"Der Hauptmangel bei diesem rohen System war der Halbton, womit die natur verlangt, in die Oktave der Leiter überzugehen, gleichsam die glänzende Morgenröte der wieder neu aufgehenden Sonne. D hatte ihn nicht, weil das Cis fehlte; E nicht, weil das Dis fehlte; und so G und A bei dem Mangel von Fis und Gis. Die Franzosen nennen diesen Halbton la note sensible, weil man den Hauptton schon zum Voraus darin empfindet;