C selbst in A moll, seiner schönen grossen Sext, und geht dahin über, wenn es Kummer drückt."
"Was C am stärksten abhärmte, und sich am mehrsten mit ihm entzweite, H, die tragische grosse Septime, und Cis, die schmerzliche kleine Sekunde, sind auch von ihm am entferntesten, als eigne Existenzen."
"Das an und für sich kleine notwendige Uebel, unter die zwölf gewaltigen Götter des himmlischen Tonreichs gleich verteilt, würde so vielleicht am leichtesten zu ertragen. C dur soll Saturnus, das goldne Zeitalter bleiben; Cis dur Jupiter sein; D dur Bacchus; Es dur Königin Juno; E dur Urania Venus. Aber ich will mit meinen Gleichnissen und Grillen Sie nicht länger in Ihrem meisterhaften Unterrichte stören."
"Vortreflich!" rief L o c k m a n n lächelnd; "und mit dem zartesten Gefühl aufgefasst! Wer könnte der Beredtsamkeit von so zauberischen Lippen widerstehen! Jedoch der Wahrheit zur Steuer hab' ich Sie selbst schon gestern mit erhöhten grossen Terzen und verminderten kleinen von Ihrer göttlichen stimme beflügelt die Herzen in die tiefste Rührung und gewaltigste Erschütterung setzen sehen."
"Die Quinten sollen fortin von mir unverführt, der besten Ordnung gehorsam, auf den Klavieren gleichschweben; nur gestatten Sie Sich selbst und der Musik die reichste Mannigfaltigkeit der Intervallen, so wie einem T i z i a n und C o r r e g g i o der Farben, die feinsten Tinten des Lebendigen auszudrükken. Eine der seltnen Dissonanzen, die verkleinerte Sext, ward selbst von E m a n u e l B a c h , eben kalt in der Teorie, mit Geringschätzung angesehn; und der Gebrauch derselben vom ächten Genie entschied wesentlich für den Triumph unsterblicher Scenen von Meistern wie H ä n d e l , J o m e l l i und T r a e t t a . Wieder Sie selbst haben gestern mit ihr, wie mit einem bittern Pfeil, bei der Stelle: 'aber da war k e i n e r , k e i n e r d e r d a Trost dem Dulder gab7;' das Gefühl durchbohrt. Vortreflich braucht sie G r a u n in seinem Tod Jesu: 'seine Tage sind abgekürzet.'"
Er sang im Reden dieser Worte, und begleitete sich nur mit dem Grundton und der Terz.
H i l d e g a r d errötete, blickte ihn an, und legte unbemerkt von den Andern den Finger auf den Mund. Auch er errötete. Und so endigte sich reizend der Streit.
Frau v o n L u p f e n fügte hinzu: "Wenn man beide Stimmungen mit einander vereinigte, so würde wohl die vollkommenste entstehen; wenigstens kann sie leicht jeder nach seinem Belieben mit dem vortreflichen Maassstab der grossen Terzen finden. Viermal drei grosse Terzen ist ohne Vergleich sichrer und bequemer, als der trügerische Zirkel von zwölf Quinten. Und dann kann man zur völligsten Gewissheit mehrere Maasse anwenden, Quinten, grosse Terzen; und warum nicht auch noch kleine Terzen und Quarten? Auf solche Weise muss wohl endlich jedes Intervall seine mögliche Reinheit erhalten, Sinn und Verstand einander zur idee der Vollkommenheit verhelfen, und die falsche Hypotese weichen."
"Ich bitte Dich, H i l d e g a r d , sing einmal Deine Leiter, eine Oktave, oder zwei, wie Du willst; aber geschwind, ohne Dich lange zu besinnen."
H i l d e g a r d folgte, wie ein Kind; zwei Oktaven hinauf und herunter; und fragte dann: "Und nun?"
"Nun die Terzen."
Sie folgte wieder; und fragte weiter.
"Nun die Quarten." Und die L u p f e n sagte dann:
"Die fatalen Quinten schenk' ich Dir."
L o c k m a n n bewunderte die erstaunliche Rich
tigkeit, und sagte: "Sie haben Sich doch von Ihrer gleichschwebenden Temperatur nicht verführen lassen. Schade, dass man die Intervallen nicht so rein, nach keiner Temperatur, auf dem Klaviere haben kann! und dass kein Monochord da ist, um zu zeigen, wie haarscharf richtig Sie Ihre Tonleiter sangen! die Sekunde C D in dem verhältnis von Acht zu Neun; die Sekunde D E wie Neun zu Zehn; die halben Töne E F, und H C wie Funfzehn zu Sechzehn; wie C D die Sekunden F G und A H; und wie die Sekunde D E so G A."
"Diess sind auch genau die Verhältnisse unsers neu
ern diatonischen Systems. Man leitet sie her aus den harmonischen Hälften. Die harmonische Hälfte der Oktave gibt die reine Quinte; die harmonische Hälfte der Quinte die grosse Terz; und die harmonische Hälfte der grossen Terz den grossen und kleinen Ton."
"Die nähere ursache ist: das Ohr verlangt die Kon
sonanzen in der Leiter vollkommen rein; desswegen nehmen wir dabei ein doppeltes Maass an: der Quinte, und der grossen Terz."
"Ein Französischer Gelehrter, der Abt R o u s
s i e r , glaubte beweisen zu können, die Aegyptier, Griechen und Chinesen hätten bei ihrer diatonischen Leiter nur den einfachen Maassstab der Quinte gebraucht; die ganzen Töne wären durchaus der Ueberschuss von zwei Quinten gewesen, in dem Verhältnisse von Acht zu Neun; die grosse Terz und die halben Töne hätten sich darnach richten müssen."
"Hauptsächlich daraus