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. Sie sträubte sich überwunden, und ward entflammt auf Zeitlebens.

Den andern Morgen hohlte H i l d e g a r d bei guter Zeit ihre neue Freundin, und deren Bruder, Schwester und Schwager zu einem Frühstück ab; und machte sie fein und beredt mit allen wirklich vortreflichen Eigenschaften L o c k m a n n s bekannt. Auch dieser war eingeladen, und kam bald.

Man machte dann Musik; und H i l d e g a r d wählte die Scenen, worin er sich in seiner ganzen Liebenswürdigkeit zeigen konnte.

Alle Italiäner wurden so bezaubert, dass sie gern zu Mittag blieben.

Nach Tische ward eine lustige Wasserfahrt zu dem angenehmsten Ort am Pausilipp gemacht. L o c k m a n n erzählte unterwegs H i l d e g a r d e n , was der alte R e i n h o l d für ihn getan hatte. Die Hörner und Klarinetten auf der Jacht jubelten dazu, als ob sie die Sprache verständen.

Auf einem Spaziergange hielt er sich mit E u g e n i e n von der übrigen Gesellschaft entfernt, machte ihr die gefälligsten Liebkosungen, und sagte die rührendsten Zärtlichkeiten. H i l d e g a r d unterrichtete indess die Andern von seinen Glücksumständen, und ging dabei so lockend, aber auch so edel und wahr zu Werke, wie nie eine Brautwerberin.

Die Begebenheit zu Rom hatte sich inzwischen durch Neapel bei allen Musikfreunden verbreitet; und alle ergötzten sich höchlich darüber. L o c k m a n n stand wegen seiner Schönheit, seines Geistes, seines Charakters, und wegen der Komposizionen, die man schon von ihm kannte, in grosser achtung, und ward nun wegen seines Meisterstücks bewundert. Auch dieses kam der Familie den folgenden Morgen zu Ohren.

Noch war kein Antrag geschehen; aber man hielt den jungen schönen Deutschen für den angenehmsten Gesellschafter, und in seiner Kunst für höchst vortreflich. E u g e n i a schwieg dabei, war aber zerstreut, und errötete, so oft man von ihm sprach.

L o c k m a n n benutzte binnen wenig Tagen jede gelegenheit so gut, dass er ihr bald das zärtliche Jawort in Entzücken von den süssen Lippen lockte.

Er tat darauf den förmlichen Antrag. Die Verlobung erfolgte mit einem prächtigen Gastmahl; und gleich nach Ostern die festlichste Hochzeit. Nun pflanzte L o c k m a n n sich erst recht in die Schönheit und Glückseligkeit des menschlichen Lebens ein; er empfand die höchste Wonne des Daseins glühend und brennend, und teilte sie jauchzend im Uebermasse mit.

Die drei jungen zärtlichen Paare machten dann einen verliebten Flug um die reizenden Küsten von Sizilien, kehrten durch das pittoreske wilde Kalabrien zurück, und schlugen überallauch in ihrem Maywie die Nachtigallen. Bald schwärmten sie nach Rom, wo man zwar aufgebracht über H i l d e g a r d e n war, aber ihr, und dem ausserordentlichen Deutschen, welcher der Stadt ihre grösste Schönheit entführte, dennoch huldigte.

H i l d e g a r d und ihr Gemahl hielten sich nicht auf; sie reisten mit dem Herzog und der Herzogin bei Nacht schnell durch, voraus nach Terni. L o c k m a n n blieb nur so lange, bis E u g e n i a in Bereitschaft war, die den Unvergleichlichen schon lieb genug gewonnen hatte, um ihm bis an das Ende der Welt zu folgen.

Dann reisten sie eilfertig durch die schönen Täler des Apennin, an dem Adriatischen Meere hin, und nun zurück durch die kühlen Tiefen der Alpen; und dann jedes Paar an den Ort seiner Bestimmung.

Die Herzogin D**** gebar zuerst: leibhaftig das Christkindlein im heiligen Hieronymus von C o r r e g g i o . H i l d e g a r d drei Monate später eine Hebe voll Gesundheit und Leben. Zu ihrer höchsten Freude verlor sie nichts von der Schönheit und Stärke ihrer stimme, und entzückte damit noch lange Londen, Paris und M**, an welchen letzteren Ort ihr Gemahl bald als Gesandter kam. Die kindische Furcht, durch welche sie, nächst ihrer Tugend, den gefährlichsten Verführungen entschlüpfte, verschwand. Frau v o n L u p f e n hatte ihre stimme verloren, weil sie in ihrer ersten Jugend geschnürt worden war. Die Schwangerschaft trieb dann ihren Brustkasten so aus einander, dass er seine vorige Kraft einbüsste. Der selige H o h e n t h a l gestattete nie, dass man seine Tochter schnürte, und sie war frei, wie eine Spartanerin, eine Georgierin, herangewachsen.

E u g e n i a beglückte ihren L o c k m a n n mit einem andern Achill, über den er den ersten fast vergass. Sein alter Freund lullte und wiegte den kleinen Schreier mit Lust zum Stillschweigen, kos'te Römisch und Deutsch mit der reizenden Mutter, und erheiterte den kurzen Rest seines Lebens in ihren Sonnenblicken.

L o c k m a n n bekam schon das zweite Jahr nachher einen königlichen Ruf nach M**, welchen er schwerlich angenommen hätte, wenn Vater R e i n h o l d nicht eben plötzlich in die Ewigkeit hingeschlummert wäre. Dieser starb an einem Stickflusse. Man fand ihn eines Vormittags tot in seinem Bette. Er hielt noch eine Prise Tabak zwischen dem rechten Daumen und dem Zeigefinger, und lag halb aufgerichtet mit erhöhtem Kopfküssen in einer vergnügten