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und die beiden edlen Britten stiegen lächelnd in den andern, und folgten.

Man denke sich L o c k m a n n s Ueberraschung, als seine Freundin unangemeldet in das Zimmer flog und in himmlischer Heiterkeit rief: "Willkommen in Neapel, teurer Freund, hoher Genius! Empfangen Sie hier den Lohn für Ihre Verdienste von der Hand der Schönheit."

Sie hielt seine beiden hände fest, und E u g e n i a band ihm lieblich errötend den frischen Kranz über die heissen Schläfe, auf die schwarzen Locken.

Vor den gewaltigen Gefühlen, die ihn überströmten, vermochte er nur mit einem tiefen Seufzer zu sagen: "O Schauspielerin ohne ihresgleichen!"

Die Männer traten nun herein, und riefen, wie abgeredet: "Willkommen in Neapel, entzückender Genius der gewaltigsten von allen Künsten!" Der Gatte seiner Freundin H i l d e g a r d führte das Wort.

Die Damen führten, trugen, und hoben ihn nun in ihren Wagen. Die Herzogin und H i l d e g a r d drängten ihn mit der Römerin im höchsten Stolze der Schönheit auf den Ehrensitz, und fuhren unter tausend Liebkosungen langsam über den Schlossplatz, wobei der andre Wagen ihnen eben so nachfolgte. Die ausserordentliche Scene hatte die Gäste im wirtshaus um sie her versammelt, und diese und eine Menge Menschen folgten.

Noch in derselben Nacht ward ein grosses fest gegeben, und ihre ausgewählten Bekannten dazu eingeladen, die nun erst unter lachen, jubel und Bewunderung das seltne Abenteuer erfuhren.

Als sie sich an die Tafel setzten, nahm L o c k m a n n seinen Kranz ab, und brachte ihn gewandt und schnell auf H i l d e g a r d s schönes Haar, das reizend in Locken den schneeweissen Hals bis auf den Busen herabfiel; und sagte: "Die höchste Ehre, dem sie gebühret!"

Diess gefiel der ganzen Gesellschaft. H i l d e g a r d freute sich inniglich über L o c k m a n n s gute Laune, und war so eine Zeitlang die Königin des Festes.

Zu Ende des Mahles schwebte der Kranz leicht, wie von selbst, auf das stolze Haupt der Römerin, das in jungfräulicher Röte damit prangte. Die Guitarre war schon bereit; sie musste ihr Lied singen, und tat es gefällig, von Reiz übergossen. Der Chorus um die neue Zauberin war nun vollständig. Sie wurde, indess allgemeines Frohlocken um sie tobte, gleichsam unter die Musen aufgenommen, und hier zur hohen Kunst eingeweiht.

Bevor man aufstand, gab sie die kurze Melodie eines alten zweistimmigen Kanons, vielleicht noch aus dem sechzehnten Jahrhundert, auf ihrem Instrument an; und H i l d e g a r d fasste ihn geschwind.

E u g e n i a sang dann in der Sprache der Musik:

Lebe, liebe, trinke, lärme,

Kränze dich mit mir;

und fuhr fort, indess H i l d e g a r d eben dasselbe sang:

Schwärme mit mir, wenn ich schwärme:

Ich bin wieder klug mit dir.

Es war die süsseste Melodie der Freude, die sich bei dem zweiten Absatze wie von selbst in rührende Harmonie verflocht: ein Meisterstück von Duett. Die alte Griechische Skolie wälzte sich dann in Oktaven durch den ganzen Kreis, und drückte so recht den Taumel der Lust aus.

Als nach der Tafel die Gesellschaft sich in Gruppen verteilte, konnte H i l d e g a r d mit ihrem alten Freund auf einige Momente allein sein, und sagte ihm noch mit eindringender Zutraulichkeit die wenigen Worte: "Ihr scharfsinniger Verstand und Ihre reife überlegung wird, hoff' ich, mit meiner Wahl zufrieden sein. Ich habe für unser beider Glück gesorgt; auch Sie werden das Ihrige als kluger Mann ergreifen, und Sich von keinen unseligen Grillen irre führen lassen. Albernes Uebel und Weh begegnet uns auf jedem Schritte, wenn wir über unsre angebornen Verhältnisse hinaus wollen."

Er erwiderte, von den Andern abgewendet: "Ich erkenne die Göttin, die noch weiser ist, als die Göttin des Achill und Ulysses. Der hat auf jeden Fall hohen Genuss und Lohn, der etwas Vortrefliches liebt."

Man wollte die Reisenden sich ausruhen lassen; und also ging die Gesellschaft bald nach Mitternacht aus einander. Die Wagen sollten vorfahren; aber E u g e n i a machte den kurzen Weg lieber zu fuss.

L o c k m a n n , der sich, zu H i l d e g a r d s innigem Wohlgefallen, und zu Aller Bewunderung, als ein Held betragen hatte, nahm die holde Jungfrau, blühender und strahlender als je, in den Arm, welches sie mit sichtbarem Vergnügen geschehen liess. Er dankte mit Gefühl und Würde herzlich für die ehrenvolle Aufnahme. Die Andern folgten. Es war wie ein schöner warmer Sonnenuntergang, der einen entzükkenden Frühling versprach. H i l d e g a r d e n wallte das Herz, und in ihrem Auge glänzten unaufhaltbare Zähren.

Unterwegs gaben Arm und Hand der süssen Schönheit den ersten Druck der Liebe, der sie wie Feuer durchdrang. Sie entzog ihm zwar sittsam die zarte Hand, aber so lässig und spielend, dass er fühlen musste, wie gern er aufgenommen ward. Als er zur Tür hinein war, raubte er sich noch, unbemerkt, den ersten Kuss, und sog auf einen Moment den Nektar ihrer Lippen