Der alte Zauber wirkte noch mächtig; doch war der neue so süss, so unwiderstehlich! "H i l d e g a r d s Familie wird dich als ihren Verführer hassen; ihr Stand dir in jeder Rücksicht Händel verursachen!" Und endlich drängte sich ihm der Gedanke gewaltig auf: "Sie hat nur mit dir gespielt, sich nie ein Wort von wirklicher Verbindung entschlüpfen lassen. F r e u n d s c h a f t war die Losung von Anfang bis zu Ende. – Aber die fünfhundert Dukaten! das kühne Unternehmen! Jene sollten für den Achill sein. Und dieses? wie konnte die Herzogin es gestatten? Wie kannst du sie von dieser entfernen? O sehr leicht; wenn sie nur will!" –
"O, wie schnell das geht!" rief E u g e n i a aus, als sie über die breite königliche Heerstrasse kurz vor Neapel wegrollten. "O, wie schnell das geht!" wiederhohlte L o c k m a n n , dem es, wie ihr, nur allzu schnell ging.
Ehe sie es sich versahen, schon bei Sonnenuntergang, waren sie in der Stadt, und eine Strasse nach der andern durch. Bald hielt der Wagen vor dem haus ihrer Schwester, nicht weit von dem Schlossplatze. Sie wurden mit Freuden bewillkommt, herzlich empfangen, und empfahlen L o c k m a n n e n der Schwester und dem Schwager als ihren Freund. Er nahm sein Quartier in einem guten, nicht weit davon gelegenen wirtshaus. Man lud ihn gefällig zum Abendessen ein; er verbat es sich wegen dringender Geschäfte, versprach aber, den andern Mittag zu kommen.
Sein erster gang war nach des G*** H***'s haus, um da nach der wohnung der Herzogin D**** zu fragen. Er kannte Neapel wie seine Vaterstadt, schritt bald hastig, bald langsam, über die Chiaja, und erfuhr den Augenblick, was er wissen wollte. Die Freude darüber, dass die Herzogin, und folglich auch H i l d e g a r d , noch in Neapel war, brachte ihn schneller zurück; doch stand er eine Weile vor ihrer wohnung still, und die Ohren klangen ihm.
Beim Eingange leuchtete eine Laterne. Plötzlich erscholl eine stimme: "L o c k m a n n ! o, Herr Kapellmeister L o c k m a n n !" – F a n n y , die von einer Bekanntschaft nach haus kam, war auf ihn zu gesprungen, und hielt ihn an beiden Händen. Er gab dem lieben Mädchen den frohen Kuss des Wiedersehens.
"Ist sie zu haus? kann ich sie sprechen? das fräulein oder Herrn P a s s i o n e i ?"
"Nein, sie ist eben in Gesellschaft. O, das wird ihr leid tun! Aber ich höre, Sie wissen den Anfang, nicht das Ende." Mit diesen Worten zog sie ihn von dem Tor ab nach dem Meere zu, welches in starken Wogen an das Gestade rauschte. "Mein fräulein ist verheuratet;" (es war ihm, als ob das Ufer die Worte schrecklich brüllte, so sanft F a n n y sie auch aussprach.) "Verheuratet!" – diess presste ihm plötzlich Herz und Lungen zusammen, dass Mahler und Bildhauer ihn in dem Moment zum Modell eines Anteus hätten brauchen können – "und höchst glücklich verheuratet! mit einem jungen schönen liebenswürdigen Lord von unermesslichem Reichtum; und Mutter und Bruder, die ihn kennen, haben natürlicher Weise ohne Schwierigkeit ihre Einwilligung dazu gegeben."
Er wankte bei dem Todesurteil, so dass die unschuldige F a n n y glaubte, er träte in einen Abgrund, und ihn mit dem rechten arme fasste. Zum Glück konnte sie in der Dämmerung sein bleiches Gesicht und seine starren Augen nicht sehen. Die Zunge klebte ihm am Gaumen, wie bei einem schweren Katarrh, und er war nicht fähig, eine Sylbe mehr hervorzubringen. Alle Quellen seines Lebens schossen zurück, und es erbrauste fürchterlich vor seiner Seele.
Er lehnte und legte die linke Seite über eine kleine Mauer am Ufer, und eine feuchte Nachtluft wehte mitleidig Erfrischung über ihn.
F a n n y merkte an seinem Stillschweigen und seiner von ihr abgekehrten Stellung, dass die Neuigkeit ihm gar nicht wohl behagte, und lenkte ihre Rede geschwind auf etwas Angenehmeres.
"O, wie oft haben wir in Rom gewünscht, Sie möchten zugegen sein, und hören und sehen, welchen erstaunlichen Eindruck Ihre schöne Musik machte! Die Leute waren alle wie bezaubert; ich habe in meinem Leben so etwas nicht gesehen. Von meinem damaligen fräulein war es freilich ein grosses Wagstück. Die Herzogin D**** hat sie dazu verleitet; ein wenig wohl auch ihr eigner Mutwille, und die Lust, in Ihrer herrlichen Oper aufzutreten. Unser Lord machte ..."
L o c k m a n n hörte wenig; doch erhohlte er sich unterdessen einigermassen, und fragte mit gebrochner stimme: "Wann kommt Ihre junge Lady nach haus?"
"Das kann ich nicht sagen; aber ich will einen Bedienten zu ihr schicken, und sie wird sogleich da sein."
Der Anfall von leidenschaft war bei L o k k m a n n e n so heftig und unerwartet plötzlich, dass keine Besinnung statt fand. So bald diese eintrat, dachte er an E u g e n i e n