1795_Heinse_036_17.txt

sich an der Melodie von wenig reinen Quinten, Quarten, Terzen in dem abwechselnden mannigfaltigen Takt der Griechischen lyrischen Versarten einer S a p p h o , eines A l k a i o s und S o p h o k l e s , und dem einfachen Nachklang der Harmonie eines Barbitons, einer antiken Guitarra, begnügen."

"Das Ohr ist gewiss unser richtigster Sinn; und selbst das Gefühl, welches man bisher für den untrüglichsten gehalten hat, bildet sich nach ihm. Das geübteste auge' eines Mahlers und Messkünstlers ist bei weitem nicht im stand, nur so die leichten Verhältnisse der Hälften, Drittel, Viertel, Fünftel und Sechstel einer Linie, irgend einer Länge und Grösse in Wirklichkeit auf ein Haar zu treffen; geschweige die schweren Verhältnisse, welche die nach dem Gehöre lange geübten Fingerkoppen eines T a r t i n i , P u g n a n i , L o l l i , K r a m e r , V i o t t i in verwegnen Sprüngen, Läufen, Uebergängen zum Erstaunen der Kenner auf ihrer Geige, dem vollkommensten unter allen Instrumenten, richtig greifen. Desswegen sind die Taubgebornen auch um so vieles trauriger und unglücklicher, als die Blinden, weil sie den Hauptsinn des Verstandes, der die andern zur Richtigkeit gewöhnt, nicht haben; und so gibt die Musik unter allen Künsten der Seele den hellsten und frischesten Genuss3."

"Wahrscheinlich übertrift das Ohr des Menschen an feiner und mannigfaltiger Aufnehmung und Unterscheidung der Töne auch das Ohr aller andern Tiere. Mich dünkt, schon die Menge der Sprachen allein wäre hinlänglicher Beweis. So wie der vortrefliche Lehrmeister des Gefühls, ist es noch Lehrmeister der Zunge und der Kehle. Ein vollkommen zartes, festes, reines, und noch mehr, ausgebildetes Gehör ist freilich auch eben so selten, wie alle hohe Schönheit; und durch böse Gewohnheiten kann man diesen göttlichen Sinn sehr verderben. Wer ihn aber nicht einigermaassen in Vortreflichkeit hat, soll sich nicht mit Gesang und Instrumenten plagen, wo er notwendig entscheidet."

"Doch ich muss um Vergebung bitten, dass ich Ihre Geduld ermüde."

Alle beteuerten, dass sie keine angenehmere Unterhaltung haben könnten. H i l d e g a r d erwartete ihn bei seiner Metode, das Klavier zu stimmen, und war aus mehrern Gründen schon für die gleichschwebende Temperatur entschieden. Sie sagte: "Es freut mich innig, dass Sie sogleich das wahre Wesen unserm Geist vorhalten. Ohne strenge Untersuchung der ersten Elemente dieser hohen Kunst kann man zu keiner Sicherheit darin gelangen."

Er fing aufs neue an.

"Die gleichschwebende Temperatur gefällt, weil sie einige stolze, hoch daher fahrende, grelle grosse Terzen, einige schlaffe Quinten und unglückliche kleine Terzen nicht hat, und alles bei ihr galant und gewandt ist. dafür fehlt ihr aber auch die vollkommne Schönheit, und der mannigfaltige Ausdruck."

"Wenn man das Klavier nach Quinten stimmt: so ist sie mit blossem Gehör schwerlich vollkommen zu erhalten; man muss ein Zwölftel Ueberschuss von 524288 zu 531441, um wie viel zwölf Quinten die Oktave überschreiten, jeder gerade abnehmen; und das verhältnis einer solchen temperirten Quinte ist selbst nicht leicht für die Rechnung."

"Die beste Metode dazu, wenn man kein dafür berechnetes Monochord hat, dünkt mich: man bringt fürs erste die drei grossen Terzen C E, E Gis, Gis His (= C) so gleich geteilt wie möglich in die Oktave. Dann stimme man zu C die Quinte G ein wenig schwebend, und zu G eben so die Quinte D. Zwischen diese nun rein gestimmten Töne C D E teile man die zwei halben Töne Cis (nach der schon gefundnen Quinte Gis) und Dis nach G und C ein; und wenn dieses geschehen ist: bringe man die neun grossen Terzen von Cis, D und Dis, von jedem Tone drei, eben so wie bei C, in ihre Oktaven; und man hat äusserst geschwind, und so gut, als mit blossem Gehör möglich ist, die ganze gleichschwebende Temperatur. Die grossen Terzen sind die probe derselben: die Quinten entstehen von selbst zahm, und man braucht sie nicht erst mit vieler, oft vergeblicher Mühe, wo sie zuweilen gar übermässig werden, gleich wilden Füllen zu bändigen."

"Die andern Arten von Temperatur unterscheiden sich, nachdem man mehr oder weniger vollkommen reine Quinten, vollkommen reine grosse und kleine Terzen erhält, und nach den Accorden, in welche man sie bringt."

"Die Mitte der gesammten Anzahl von Tönen, welche das menschliche Ohr bestimmt zu fassen vermag, ist das eingestrichne C. Bei diesem hat man die Grenze der Diskantstimme angenommen; weil sie bei mannbaren Jungfrauen und unschuldigen Jünglingen wirklich so weit reicht."

"Wer Musik treibt und versteht, hat seine Wissenschaft nach unserm Notensystem von C dur angefangen. Von diesem Tone steigen wir durch Quinten in die Höhe und in die Tiefe weiter zu andern. Die Tonleiter C dur bleibt uns also gleichsam Stand der natur; jungfräuliche Keuschheit und Reinheit, holde Unschuld des Jünglings, patriarchalisches Leben, goldnes Zeitalter."

"Dieses C im Kammerton, eingestrichen, macht also den Mittelpunkt der ganzen musikalischen Sphäre aus. Das reife Leben im Jüngling und Mädchen erreicht diese Grenze. Die folgenden Stufen des menschlichen Alters treten beim Mann auch in der Musik tiefer. Die Erfinder der Noten, welche unser musikalisches System anlegten, haben nach der natur den ersten harten Dreiklang