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s i o n e i nie gefühlt hatte.

Und er? – er hatte gerade das süsse lebendige Feuer ihrer Augen, den Jonisch südlichen Geist, der alles durchbrennt und durchflammt, und von keinen Verhältnissen oder Gewohnheiten sich binden lässt, bei seiner H i l d e g a r d vermisst. Doch machten ihre andren zauberischen Eigenschaften, dass solche Gesinnungen bei ihm nicht aufsprossten. Er glaubte, dass Klima, grössere Freiheit, und hinreissender neuer Umgang auch an ihr seinen Einfluss zeigen würde, und schloss diess besonders aus dem, was sie schon gewagt hatte.

Das Gespräch ward wieder lebendig, und L o c k m a n n machte mit E u g e n i e n bald völlig trauliche Bekanntschaft. Bei einer schönen Gestalt, Annehmlichkeit, und Reizen in dem ganzen Wesen, neigten sie sich leicht zu einander. Die Guterzigkeit und Ehrlichkeit des Deutschen gefällt den Weibern in der ganzen Welt. – L o c k m a n n s Fertigkeit in ihrer Sprache, seine seltne Gewandteit, seine geistreichen Bemerkungen und kurzweiligen Erzählungen ergötzten E u g e n i e n , so dass ihre schönen Augen doppelt Feuer sprühten. Er hielt sich jedoch während der ganzen Reise bei ihr immer in den Schranken der strengsten Sittsamkeit und Ehrerbietung; wodurch er sich die volle achtung ihres Bruders erwarb, und die Neigung, welche sie schon zu ihm gefasst hatte, noch mehr reizte.

Die Zeit verfloss unvermerkt; Täler und Hügel schwanden eilig zurück, als sie den andern Vormittag zu Kapua anlangten, wo sie bei dem besten wirtshaus anhielten, um da zu essen.

Während der Mahlzeit kam das Gespräch wieder auf P a s s i o n e i .

Der Sohn des Wirtes klimperte die Guitarre nicht übel, und eine vortrefliche lockte E u g e n i e n an die Wand des Zimmers, wo sie hing.

Sie hatte auf der Reise Mut bekommen, und nahm das liebliche Instrument herunter. Leicht von ihr in reine Stimmung gebracht, gehorchte es, wie belebt, dem reizenden Fingerspiel; und in süssen Harmonien flogen die Silbertöne hervor zu ihrem Engelsgesang: Se un core annodi. Ihr Bruder und L o c k m a n n machten nach ihrer Anführung, bis die Strophen alle durch waren, den Chor; und der letztre gab alsdann ihrem Vortrag, ihrer stimme und ihrer, Fertigkeit das gebührende Lob.

"O, könnten Sie es von P a s s i o n e i hören!" sagte sie, bescheiden errötend. "Doch das ist noch nichts. Könnten Sie von ihm hören: Begli astri d'amore! Aber Sie kennen gewiss durch ihn schon die ganze Musik."

Er antwortete: "Manches daraus;" und bat sie schmeichelnd, ihn noch mit der letzteren Arie zu entzücken. Sie erwiderte: "Begleiten wollt' ich wohl Jemand, der sie sänge; aber selbst singen kann ich sie nicht. Sie ist meiner stimme zu hoch, zu tief und zu schwer." Dabei bog sie verführerisch den schönen Kopf über das Saitenspiel; und der auffordernde blick brannte in sein Wesen. Die Töne seiner lieblichen stimme hatten sie schon rührend durchdrungen; und sie glaubte gewiss, dass er die Arie wie die andre kenne.

Er erwiderte: "Nun, so will ich den Versuch machen; bloss zu Ihrem Zeitvertreib, und um länger Herz, Ohr und Auge an Ihrem himmlischen Spiel zu weiden."

Der schöne Deutsche stand auf, und sie fing an. Zart und stark erklangen und zerflossen die breiten Accorde der Einleitung, die von E u g e n i e n s Meister vortreflich für das Instrument eingerichtet war; und L o c k m a n n sang so warm, so heiss, wie er ausempfunden hatte, mit der rührendsten, reinsten und ausgebildetsten Jünglingsstimme: Begli astri d'amore.

Die natur triumphirte. O, das war und sagte noch etwas ganz Anderes als P a s s i o n e i ' s Diskant; es war so etwas Tätiges, mit voller Stärke Angreifendes darin, dass das goldne geschöpf auf die letzt fast ihr Spiel vergass, und, als er aufhörte, eine Weile stumm blieb, und Atem schöpfte.

Der Bruder musste die Danksagung machen, und rief aus: "Vortreflich! o, gewiss auch vortreflich! Bravo, bravone, bravissimo!"

"Das glaube' ich! das empfind' ich!" fuhr tief ergriffen und bewegt die holde E u g e n i a fort; "o gewiss, Sie sind ein eben so grosser Sänger!" So stand sie in Gedanken auf, ging mit leisen Schritten, als ob sie seinen Gesang noch hörte, nach der Wand, und hängte das Instrument wieder an seine Stelle. P a s s i o n e i wich aus ihrem Herzen, wie ein heftiger unnatürlicher Traum, wie ein vorübergehender Zeitvertreib; L o c k m a n n dünkte sie der wahre Geselle, Freund und Gefährte für lange häusliche Glückseligkeit.

Die Pferde waren schon vorgespannt; man bezahl

te, setzte sich stillschweigend in den Wagen, und es ging schnell weiter.

E u g e n i e n s ernste absichtliche gefälligkeit

zeigte L o c k m a n n e n unterwegs bald ihr Innres. Er dachte mit unruhigen Blicken nach, die sie für sich auslegte. Sein Herz war ein Kampfplatz von mancherlei Gefühlen.